Behutsam holt Barbara Imhof ein Päckchen aus ihrer Schreibtischschublade, handtellergroß und silbern glänzend. Mit spitzen Fingern zieht die 48-jährige Architektin die Alufolie zur Seite, die den Inhalt vor dem Zerbröseln schützt, und gewährt einen Blick in die Zukunft: ein Stein, der an ein Kohlestück erinnert und wie jeder Stein durch Druck entstanden ist – allerdings in kürzester Zeit und nicht natürlich, sondern durch 3-D-Druck. Ein Roboter bündelte dabei Sonnenstrahlen und klebte mit dieser Hitze Sand, wie er auch auf dem Mond vorkommt, Schicht um Schicht zu einem Klumpen zusammen.

An dieser Technik arbeitet Barbara Imhof gerade: In zehn bis 15 Jahren sollen mit nichts weiter als Sonne und Sand Behausungen am Mond oder am Mars voll automatisiert errichtet werden können.

Wenn sich die Wiener Architektin an den Schreibtisch setzt, dreht sie zuerst ihr Denken um. Was sie plant, sind Häuser für ein Leben im Extremen.

"Liquifer. Space Architecture" steht auf dem Schild im Eingangsbereich eines grauen Gemeindebaus nahe dem Donaukanal. Als Geschäftsführerin des Weltraumarchitekturbüros führt Imhof ein Team von acht Mitarbeitern, das seit 2004 in Kooperation mit der europäischen und der amerikanischen Weltraumbehörde Esa und Nasa an Designs für Habitate nicht nur auf fernen Himmelskörpern sondern vor allem in der schwerelosen Weite des Alls feilt.

"Das visuelle Blickfeld ändert sich", erklärt Imhof eine der großen Herausforderungen. "Der Astronaut sieht, was vor ihm liegt. Was im Bereich seiner Beine passiert, bemerkt er allerdings nicht. Das müssen wir in der Planung berücksichtigen."

Wer also ein Haus für die Schwerelosigkeit entwirft, muss sich gedanklich von allem verabschieden, was Häuser in herkömmlichem Sinn definiert. Die Türen werden von Schleusen ersetzt, die den Übergang in Zonen mit extremen Temperaturen ermöglichen. Die Fenster weichen Displays, auf denen Astronauten – je nach Wunsch – durch eine Kamera nach draußen sehen oder Gebirgsketten gezeigt bekommen, die sie mit ihrer Heimat verbinden. Die Einteilung der Wohnfläche in Zimmer widerspräche dem Platzangebot. Es ist eng im All. Und Stühle, Betten, Tische? Vollkommen nutzlos im gravitationsbefreiten Schwebezustand.

Imhof fasziniert die Möglichkeit, scheinbar Selbstverständliches, etwa Tische, beiseitelassen zu können. Dennoch braucht der Mensch auch in der Schwerelosigkeit "interfaces", wie sie es nennt – also Gegenstände, die ihm bei der Befriedigung seiner Bedürfnisse helfen. Wie schläft jemand, der nicht in ein Bett sinken kann ? Imhofs Antwort: in einem Schlafsack, der die natürliche Körperhaltung des Schwerelosen, die irgendwo zwischen Fötusstellung und aufrechtem Stehen liegt, berücksichtigt.

Ein Vormodell dieses Schlafsacks – weiß wie ein Raumanzug und aus starkem, feuerfestem Material – hängt in Imhofs Büro. Im Bauchbereich dieses Astronautenbettes kleben Taschen, die das Nachtkästchen ersetzen. Sie sind mit Lektüre und mit Fotos der Lieben weit unten auf der Erde gefüllt. Am Kopfende hängt – wohl aus Gründen der Nostalgie – ein Polster, der nie das Gewicht eines Kopfes aufnehmen wird.

Was Imhofs Augen leuchten lässt: der Raum an sich. "In der Schwerelosigkeit gibt es den gesamten 3-D-Raum zu erfahren und zu bewohnen. Ein Paradies für Architekten", schwärmt sie. Die "Oberfläche" hinter sich lassen zu können fasziniere sie an ihrem Beruf, auch noch nach 20 Jahren.

Barbara Imhof war vielleicht zehn, als sie abends auf der Rückbank des alten Renault 4 ihrer Eltern lag und zum Fenster hinausblickte. Die Fassaden der Stadt zogen, durch künstliches Nachtlicht eigentümlich beleuchtet, in Schlieren an dem Mädchen vorbei, das nicht müde wurde, auf die sich biegenden Häuser zu starren. Die veränderte Perspektive habe sie fasziniert, erzählt Imhof. So sehr, dass die Tochter einer Psychiaterin und eines Limnologen an diesem Abend, auf der Rückbank des alten R4, beschloss, dass sie, wenn sie einmal groß ist, Häuser entwerfen will.