Wer mit der Zeit geht, sagt nicht "schlimm" oder "Skandal" – er hängt ein "gate" an. Das Suffix stammt von Watergate, einem Gebäudekomplex in Nixons Washington. Die erste globale "gate"-Anwendung hatte mit dem Busen der amerikanischen Sängerin Janet Jackson zu tun ("Nipplegate"). Closetgate machte die Runde, als die Fernsehserie South Park die Scientologen verspottete. Seither regte man sich über Penisgate und Klimagate auf, zuletzt über Dieselgate. Und jetzt steht vor der Tür: Ottogate.

Otto wie Ottomotor, benzinbetrieben.

Man möchte dieser Tage kein Autofahrer sein. Zuerst traf es den Dieselfahrer. Der hat sich vielleicht vor gerade mal drei Jahren einen teuren Kleinwagen mit Dieselantrieb zugelegt. Er lag damit total im Trend, war schlau und öko in einem. Geringer Verbrauch, entsprechend niedriger CO₂-Ausstoß. Spritzig war der neue Turbodiesel mit Direkteinspritzung auch noch. Dazu notorisch langlebig und stabil beim Wiederverkaufswert ... Und nun, kaum 50.000 Kilometer später? Nach Dieselgate und einem geschärften Blick auf die Auspuffrohre stellt sich heraus: Wer Diesel fährt, ist ein Umweltverpester. Sein Auto: eine Stickoxidschleuder, ein Lungenvergifter. Er verkürzt mithin das Leben seiner Mitmenschen. So sind Fahrverbote für noch fast neue Autos in vielen deutschen Innenstädten zu erwarten.

Nun heißt das nicht, dass ein Motor ohne Dieseldurst automatisch die bessere Wahl ist. Denn auch der nach seinem Erfinder Nicolaus August Otto benannte Benzinmotor ist nicht sauber. Man kann es nicht sehen, aber messen: Otto rußt.

Rußen – das kannte man ja eigentlich vom alten Diesel. Dicke schwarze Wolken aus unvollständiger Spritverbrennung, gern bei kaltem Motor oder am Berg ausgestoßen, verfinsterten stinkend die Straßen. Bis den Stinkedieseln ab dem Jahr 2000 Partikelfilter eingebaut wurden und der Auspuffruß Geschichte war. Dachte man.

Doch über die fetten Rußpartikel vergangener Zeiten würde man sich dieser Tage vielleicht sogar freuen – denn inzwischen weiß man, dass gerade die ultrakleinen Rußpartikel uns wirklich gefährlich werden können. Winzige unverbrannte Kohlenstoffteilchen können allerlei Giftstoffe anlagern, diese transportieren sie durch die Atemwege bis ins Blut. Denn aufgrund ihrer Größe im Mikrometerbereich ist "Feinststaub" lungengängig, er kann Blutgefäße schädigen und Krebs auslösen.

Erosion, Vulkane und Waldbrände produzieren Feinstaub, aber auch der Mensch, zum Beispiel beim Heizen und im Verkehr. Paradox für Autofahrer, die bis jetzt guten Ökogewissens mit einem neuen Ottomotor unterwegs sind: Kleinstpartikel in geradezu anstößiger Masse entweichen ausgerechnet den Auspuffrohren der tollsten Benziner, der Speerspitze der Ottomotorenentwicklung – den turbogeladenen Direkteinspritzern.

Bei dieser Verbrennungstechnik wird der Sprit genau dosiert direkt in den Brennraum gespritzt. Das mindert den Verbrauch und reduziert die Emissionen. Die schicke Verbrennungsmethode, bei der um die Zündkerze herum fettes Gasgemisch eingespritzt wird, während ansonsten mageres abfackelt, erwischt nicht alle Sprittröpfchen. Die Konsequenz sind unverbrannte Partikel und damit Feinstaub. Betroffen sind Fahrzeuge mit Kürzeln im Namen wie TSI (VW) oder TFSI (Audi); beim Vorreiter Mitsubishi gab es schon 1997 den Carisma GDI. Renault spricht von IDE, Alfa Romeo von JTS oder Tbi.

Die Feinststaubemissionen der Ottomotoren sind so peinlich und ärgerlich, dass die Hersteller gar nicht gern darüber reden. Stattdessen führen sie peu à peu eine Abgasreinigungstechnik ein, die dem Diesel schon längst hilft: den Partikelfilter. Der hat innen eine hochporöse Keramikschicht, auf der sich Partikel anlagern, die dann vom heißen Abgas nachverbrannt werden. So ein Otto-Partikelfilter (OPF) ist auch deshalb überfällig, weil ab September 2018 die verschärfte Abgasnorm Euro 6d-temp neue Regeln für die Messung des Feinstaubausstoßes vorschreibt. Da wird der Schrecken der Fahrzeughersteller Wirklichkeit – ein Verfahren, das der Fahrwirklichkeit nahekommt (sogenannte Real Driving Emissions, gemessen mit dem "RDE-Zyklus"). Dadurch offenbart sich so viel vom tatsächlichen Ausstoß, dass wahrscheinlich kaum ein Benziner noch ohne Rußfilter auskommt.

Ein paar Fahrzeuge mit der neuen OPF-Technik sind schon auf dem Markt: der VW Up GTI, der Tiguan 1,4 TSI, der Peugeot 308 SW puretech, der BMW 220i. Nach und nach werden wohl so gut wie alle Benziner mit OPF ausgerüstet, doch als Nadelöhr erweist sich die massenhafte Herstellung der Filter. Was passiert, wenn neue Filter nicht passen oder nicht rechtzeitig geliefert werden können, zeigt das Schicksal des BMW M3. Diese Ikone eines Sportwagens für die Massen wird einfach nicht mehr gebaut. Und selbst BMWs Topmodell, die Ottoversion des 7ers, wurde für ein Jahr aus dem Programm genommen.

Während sich gerade viele Dieselfahrer fragen, ob sie sich von der Industrie mit Prämien von bis zu 10 000 Euro dazu verlocken lassen sollen, ein Neufahrzeug zu kaufen (Wieder einen Diesel? Lieber einen Benziner?), müssen sich also jetzt auch Benzintanker Gedanken über Nachrüstung und Wertverlust ihrer Fahrzeuge machen. – Einiges spricht dafür, erst einmal abzuwarten, das Altfahrzeug zu pflegen und fleißig ÖPNV zu fahren.

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