In meinem ersten Berufsjahr in München schlugen eines Tages zwei Freunde eine Bergtour durch die Watzmann-Ostwand vor. Ich war damals 27, hatte schon ein wenig Kletter-Erfahrung und kam gerne mit. Nur lag auf der Route auch die Schöllhornplatte, eine 40 Meter hohe, fast senkrechte Wand, benannt nach dem Münchner Christian Schöllhorn, der 1890 hier als Erster in den Tod stürzte. Wir baten also einen erfahrenen Bergsteiger aus dem Freundeskreis, das Vorklettern für uns zu übernehmen.

Es war ein wolkenloser Julimorgen. Unser erster Mann ging sicher, erster Haken, zweiter Haken. Oben ordnete er das Seil, als er sich plötzlich an den Kopf fasste. Wahrscheinlich hatte ihn ein Stein getroffen – Helm trug damals noch nicht jeder. Langsam kippte er nach vorne und stürzte stumm, Kopf voran, die Arme ausgebreitet, in die Schlucht. Der zweite Mann wurde ruckartig aufwärtsgezogen. Den oberen Haken hatte es rausgerissen, der zweite hielt. Zum Glück.

Ich nahm das alles in Zeitlupe wahr, krallte mich am Fels fest und brachte keinen Ton heraus. Nein, dachte ich, das ist nicht echt, das kann nicht sein.

Ich war überzeugt, der Mann sei tot. In der Schlucht fanden wir ihn aber lebendig vor, bewusstlos, doch äußerlich unverletzt. Er baumelte knapp über dem Schluchtgrund, die Füße schleiften über den Boden. Das Seil musste den Sturz gebremst haben. Sachte machten wir ihn los, meine Freunde eilten bergab, um Hilfe zu holen. Ich blieb bei dem Verletzten, legte seine Knie hoch, hob ihn fast auf mich drauf und hielt ihn im Arm, damit er nicht auskühlte oder einen Kreislaufkollaps erlitt.

Irgendwann tauchte er halb aus seiner Bewusstlosigkeit auf und klagte über Schmerzen. Von da an habe ich die ganze Zeit mit ihm geredet, damit er mir nicht abkippte. Ich sagte ihm, er habe sich bei einem Sturz verletzt, es sei aber nichts Ernstes, bald komme der Hubschrauber. Das wiederholte ich über Stunden. Immer wieder verlor er das Bewusstsein, erwachte erneut und fragte, wie lange er noch liegen müsse.

Nach fünf Stunden war es endlich vorbei. Mit weichen Knien sah ich zu, wie der Hubschrauber in einem eleganten Schwenk aus dem Wald herausflog. Im Hospital, erfuhren wir später, war der Unglücksmann schon nach Stunden wieder putzmunter – trotz Rissen in der Schädeldecke und in mehreren Wirbeln. Bei der Rückfahrt hielten wir vor dem Reihenhäuschen der Eltern an, um ihnen Bescheid zu sagen. Soso, jaja, es sei schon recht, sagte die Mutter, er habe sowieso mal einen Dämpfer gebraucht.

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