Seit Martin Luther die Heilige Schrift ins Deutsche übertragen hat, ist die Textexegese protestantisches Kerngeschäft: Im Glauben wankt schließlich nicht, wer bibelfest ist. Frömmigkeit und Aufklärung miteinander in Einklang zu bringen, und das auf möglichst breiter Basis: Das sollte das gemeinsame Erarbeiten der Heiligen Schrift von Gelehrten mit Laien bewirken. Doch damit scheint es inzwischen nicht mehr weit her zu sein.

Peter W. L. Kuhlmann stört, dass hermeneutische Bibelarbeit allenfalls noch in Theologieseminaren, im Crashkurs auf Kirchentagen oder in evangelikalen Hauskreisen stattfindet. Bei Letzteren geht es aber mehr um Lobpreis und Verkündigung der Frohen Botschaft. Textkritische Lesarten fallen dort gemeinhin unter Gotteslästerung. Der Celler Diplomtheologe entschloss sich deshalb vor drei Jahren, in Eigeninitiative Bibelseminare zu erarbeiten und einer breiteren Öffentlichkeit vorzustellen. Interessierte Laien, meist zwischen 10 und 15 Leute, begeben sich in seinen Kursen auf die "Expedition Bibel", lesen sich in 20 Schritten durch das Alte und bald auch durch das Neue Testament.

Das sind keine Forschungsreisen auf ausgetretenen Wegen. Die Erwartungen der Teilnehmer sind unterschiedlich: Da ist die Pfarrfrau, die ihre Bibelkenntnisse auffrischen will, die Muslimin, die sagt, dass sie den religiösen Kulturkreis, in dem sie schon eine Weile lebt, besser verstehen möchte. Es kommen Philologen, die Freude am Vergleich der unterschiedlichen Bibelübersetzungen haben, und Atheisten, die ihre Vorbehalte gegenüber Gott auf die Originalquellen stützen wollen.

Der Unkostenbeitrag für 20 Veranstaltungen liegt bei insgesamt 50 Euro. Kuhlmann bietet wöchentlich im Raum Celle freitags zwei zeitverschobene Seminare an. Wer einen Kurs versäumt hat, kann ihn in der nächsten Woche nachholen. Seine didaktischen Unterlagen für den Kurs über das Alte Testament hat Kuhlmann bereits zu einem Materialienband mit praktischem Übungsteil zusammengestellt, der unter www.pwl-kuhlmann.de bestellt werden kann. Wann das Buch zum Neuen Testament erscheint, macht Kuhlmann vom Verkaufserfolg des AT-Bandes abhängig. Die Nachfrage nach seinen Seminaren ist hoch; anders als die Pfarrer, bei denen er für sein Projekt in den Gemeindebriefen werben wollte, glauben mochten. Sie prophezeiten ihm, diese Kurse würden nicht besucht werden, selbst die Hannoversche Bibelgesellschaft winkte im Voraus ab. Sie irrten sich. Es mag an der Überlastung mit profanen Aufgaben liegen, dass die Pfarrer die Vermittlung der Bibeltexte hintanstellen, sagt Kuhlmann: "Die Bibel dient den Geistlichen oft nur noch als Zitate-Steinbruch für ihre Predigt, die sich der Tagesaktualität verschreibt." Da muss der Heilige Geist schon mal dem Zeitgeist weichen. In Celle aber hat er dieser Tage wieder die Chance, aus den Texten hervorzuscheinen.

Haben Sie von einer ungewöhnlichen Idee in Ihrer Gemeinde gehört? Bitte schreiben Sie an redaktion@christundwelt.de.