Soll ich mich von Facebook abmelden? – Seite 1

Datenmissbrauch - Wie man seine Daten auf Facebook besser schützen kann Die IT-Firma Cambridge Analytica steht im Mittelpunkt eines neuen Facebook-Skandals. Unser Video gibt drei Tipps, wie man seine Daten in dem sozialen Netzwerk besser schützen kann. © Foto: Claudia Bracholdt

Ja!

Wenn genügend Menschen Facebook verlassen, kapiert der Konzern, dass er nicht länger so ignorant sein kann

Von Heinrich Wefing

Mir reicht es. Ich bin jetzt raus. Ich habe meinen Account bei Facebook am Montag gelöscht. Tschüss, liebe 348 "Freunde", ich mag euch noch immer, wir sehen uns woanders. Warum jetzt? Gegenfrage: Warum erst jetzt? Dass Facebook ein global operierendes Überwachungssystem ist, ein gigantischer Datenkrake, ist ja bekannt. Dass der Konzern ein Quasimonopolist ist und sich auch so verhält, hartleibig im Wettbewerb, intransparent in eigenen Angelegenheiten, arrogant gegenüber der Politik – das ist seit Jahren klar.

Was also hat sich verändert? Zu viel ist zuletzt zusammengekommen: In der Debatte über Hetze im Netz hat Facebook immer wieder versprochen, es werde sich kümmern. Passiert ist aber erst etwas, als die Bundesregierung eingegriffen hat. Seither habe ich das Vertrauen in die Versprechungen des Konzerns verloren.

Dann die Sache mit dem US-Wahlkampf (und, wie sich abzeichnet, womöglich auch mit dem Brexit): Facebook ist offensichtlich für Propaganda missbraucht worden, für Lügen, für Fake-News. Ob die Russen dahinterstecken, ob so die Wahl entschieden wurde – egal. Klar ist, dass Facebook selbst nicht mehr im Griff hat, was da auf der Plattform passiert.

Schließlich der Skandal um Cambridge Analytica. Noch ist manches undurchsichtig. Fest steht aber, dass Facebook von dem Datenmissbrauch zwei Jahre lang wusste und nicht eingeschritten ist. Facebook-Gründer Mark Zuckerberg hat dazu am Wochenende einen sehr wahren Satz geschrieben: "Wir haben eine Verantwortung, eure Informationen zu schützen. Wenn wir das nicht können, verdienen wir sie nicht." Sehe ich auch so.

Um bei Facebook auszusteigen, muss man nur die eigene Bequemlichkeit überwinden. Es ist nicht ganz einfach, sich abzumelden, und das ist wohl kein Zufall. Auch liefert, wer bei Facebook aussteigt, aber bei WhatsApp oder bei Instagram bleibt, Zuckerbergs Rechnern weiter zu, beide Unternehmen gehören ja zu seinem Konzern. Aber ist das ein Argument gegen den ersten Schritt? Im Gegenteil.

Wird Facebook sich ändern, bloß weil ich mich abmelde? Schon klar: Wirklich etwas bewirken kann nur staatliche Regulierung. Doch wenn genug Nutzer aussteigen, wenn Werbekunden fernbleiben, dann kapiert selbst eine Weltmacht wie Facebook, dass sie die Regeln nicht selbst bestimmen kann. Und es sind gerade ziemlich viele Leute, die Facebook abschalten. Elon Musk von der Elektroauto-Firma Tesla etwa, Brian Acton, der Mitbegründer von WhatsApp. Jim Snabe, Aufsichtsratschef von Siemens. Und Tim Cook, der Apple-Chef, sagt: "Ich habe keine eigenen Kinder, aber einen Neffen: Ich will nicht, dass er soziale Netzwerke nutzt."

Am Ende ist es eine persönliche Frage: Was bringt mir Facebook, wie wichtig ist mir der Nachrichtenstrom, wie sehr brauche ich die Präsenz? Die Antwort kann bei einem Unternehmen anders ausfallen als bei mir (auch die ZEIT ist bei Facebook präsent).

Ich war schon eine Weile kaum mehr bei Facebook aktiv, hatte die App schon gelöscht. Mir fehlt: nichts. Ein Foto von Bekannten hier, ein Like dort. Nichts davon ist wichtig. In Wahrheit ist Facebook eine Zeitvernichtungsmaschine. Ich bin da jetzt raus.

Contra von Lisa Nienhaus

Nein!

Der Kurssturz sorgt dafür, dass Facebook seine Lektion lernt. Wer sich jetzt abmeldet, schadet sich selbst

Von Lisa Nienhaus

Natürlich verlasse ich Facebook nicht. Okay, ich gebe zu, ich habe kurz darüber nachgedacht, als bekannt wurde, dass die Daten von 50 Millionen Nutzern illegal an die obskure Firma Cambridge Analytica weitergegeben wurden, die damit wiederum angeblich die Trump-Wahl beeinflusst hat. Aber dann habe ich mich dagegen entschieden. Aus drei Gründen.

Erstens ist Facebook jetzt gewarnt. Wenn innerhalb einer Woche der Aktienkurs um beinahe 20 Prozent einbricht, lässt das die zynischste Firmenführung nicht kalt. Der Konzern wird nach der Aufregung um Cambridge Analytica versuchen, es in Zukunft zu erschweren, dass jemand Daten, die er auf legalem Weg erworben hat, illegalerweise an andere weitergibt. Oder dass jemand sich Zugriff auf Daten von Nutzern verschafft, die dem nicht zugestimmt haben. Sowieso ist bislang nicht bekannt, dass so etwas öfter oder gar ständig passiert. Facebook könnte die Hürde für derlei Fehlverhalten noch anheben. Etwa indem der Konzern den Verursacher des Skandals konsequent und ausdauernd rechtlich verfolgt. Auch technisch gibt es vermutlich noch Möglichkeiten.

Zweitens: Die Sache mit der Trump-Wahl glaube ich nicht. Wer lässt sich denn in seiner Wahlentscheidung davon treiben, welche Posts ihm auf Facebook angezeigt wurden? Ich mich jedenfalls nicht. Und wenn das doch einer tut: Würde ganz normale Wahlwerbung (davon gibt es in Amerika jede Menge) nicht das Gleiche bewirken? Es ist bislang nicht geklärt, was genau Cambridge Analytica mit den Facebook-Daten getan hat. Aber was soll das mehr gewesen sein, außer dass Menschen etwas zielgenauer angesprochen wurden? Das ist keine Magie. Vielmehr ist die Geschichte, dass die Firma die Trump-Wahl entschieden hätte, höchstwahrscheinlich vor allem ein gelungener Marketing-Coup.

Natürlich sollte trotzdem niemand illegal an Facebook-Daten kommen. Und es ist eine Unverschämtheit, dass die Führung des Netzwerks erst so spät öffentlich zugegeben hat, dass das geschehen ist. Solange aber nicht klar ist, dass private Daten wiederholt ohne das Einverständnis der Nutzer abgezogen werden, so lange ist das alles für mich nicht schlimm genug, damit ich Facebook verlasse.

Das liegt am dritten und wichtigsten Grund dafür, dass ich bei Facebook bleibe: den Vorteilen des Netzwerks. Sie überwiegen für mich schlicht bislang die Nachteile. Ich bin seit mehr als zehn Jahren bei Facebook. In der Zeit habe ich viel gelernt. Zum Beispiel, dass ich mit meinen Daten vorsichtig umgehe – denn wer weiß, wer mitliest (das kann neben Cambridge Analytica auch einfach der Chef sein). Trotzdem bin ich heute noch aus dem gleichen Grund bei Facebook, aus dem ich mir einst ein Profil zugelegt habe: um mit Menschen in Kontakt zu bleiben, die ich zwar kenne, aber die ich nicht oft sehe, weil sie zu weit entfernt leben. Vorgestern erst hat mir eine Frau auf Facebook geschrieben, die ich das letzte Mal gesprochen habe, als ich 17 Jahre alt war. Sie war damals meine Gastmutter in Neuseeland; sie lebt auf einer Schaffarm, weit und breit nur Berge. Das hat mich einfach gefreut.

Die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich bei mir stattdessen per Postkarte gemeldet hätte, tendiert gegen null.