Wer nach einem Kompass sucht, weil er nicht mehr so genau weiß, was er in diesen Tagen für gut und richtig halten soll: mal zu einem Konzert von Dota gehen. Dota ist die Band der Sängerin Dota Kehr. Viele ihrer Songs handeln von großen Themen wie Umwelt, Migration, Gerechtigkeit. Für den Tagesspiegel beweist ihre Musik, dass "Klang auch Inhalt verträgt", die FAZ hofft, dass "noch viel mehr Leute" sie hören. Und das Publikum? Lässt sie auch nach den Zugaben nicht gehen, so wie an einem Abend im Hamburger Mojo Club. Tags darauf: ein Gespräch über ihre Musik, ihr Leben und ihre wichtigsten Ansichten über Geld.

"Wir hatten null Euro Startkapital, und es hat trotzdem geklappt. Manchmal musst du eben einfach anfangen!"

Kehr könnte als Ärztin arbeiten, sie ist Medizinerin. Aber sie hat sich für die Musik entschieden und damit für viel Unsicherheit. Mit Anfang 20 fing sie an, Stücke zu schreiben und Gitarre zu spielen. 2002 trampte sie mit ihrer Freundin Anna durch Italien, wo die beiden als Straßenmusikerinnen auftraten. Ihre Freundin taufte Dota "Principesse degli Spiccioli", die Kleingeldprinzessin. Wieder in Berlin wurde daraus ein Label: Kehr gründete Kleingeldprinzessin Records. Anfangs brannte sie ihre CDs selbst und bastelte in ihrer Küche die Papphüllen. Ohne die geringen Mieten in Berlin hätte sie den Start wohl nicht gewagt.

"Ich würde lieber für weniger Eintritt auftreten."

Aber der Plan ging auf. Heute kann Kehr von der Musik leben, genauso wie ihre drei Bandmitglieder, mit denen die 38-Jährige alle Gagen gleichmäßig teilt. Sie hat sogar einen Vertrag und 75.000 Euro von einer Plattenfirma ausgeschlagen, weil sie unabhängig bleiben wollte. Dem Geld trauert sie nicht hinterher. Überhaupt würde sie gern für zehn Euro Eintritt Konzerte geben, also für nur etwa halb so viel wie sonst üblich, damit sich mehr Leute Tickets leisten können. Aber Techniker, Equipment, Übernachtungen, Mietwagen: So ein Auftritt kostet eben. Trotzdem hält Kehr wenig von staatlichen Fördermitteln für Bands; anders als bei Bildung und Gesundheit funktioniere der freie Markt bei Popmusik. Was sie gut findet: die Künstlersozialkasse. Sie erleichtert es Musikern, in die gesetzliche Rente einzuzahlen. Kehr glaubt an den Generationenvertrag und hält es für falsch, dass der Staat die private Altersvorsorge fördert und so Geld in die Finanzmärkte pumpe.

"Beim Songschreiben besteht die Kunst darin, fast alles wieder wegzustreichen, was einem einfällt."

Kehr mag es, ihr eigener Chef zu sein. Wenn sie mit einem Song unzufrieden ist, schmeißt sie ihn aus dem Programm, auch wenn dann drei Studiotage umsonst waren. "Ich will, dass ein Album besonders gut wird, und nicht, dass es sich besonders lohnt." Um neue Songs zu erfinden, taucht sie für ein paar Tage ab, in die Uckermarck zum Beispiel. Auch per Telefon ist sie dann nicht erreichbar. Diese Alltagsflucht braucht sie, um schreiben zu können.

"Ein Liedtext kann nicht informieren, nichts aufdecken, kein Pro und Contra bieten. Er kann eine gute Formulierung zu einem Thema bieten und ein Gefühl vermitteln."

Ein Konzert von Kehr, das ist ein Abend aus Euphorie und Empörung, Verzweiflung und Sehnsucht. Ihre Musik: mal wie Trampolinspringen an einem taufrischen Morgen, mal wie Hängemattengammeln an einem Frühlingstag, mal wie Parolenpinseln in einer Mondscheinnacht. Die Texte: Poetischer Klartext, zum Beispiel ihr Song Grenzen. "Sie führen zu Nationalismus, mit seinen bekloppten Konsequenzen", singt Dota und wünscht sich "einen Pass, wo Erdenbewohner drin steht."

"Dass man einfach durch Geldhaben Geld verdienen kann, ist eine unmoralische Schweinerei, an die sich die ganze Welt viel zu sehr gewöhnt hat."

Massenkonsum, Immobilienpreise, Kapitalismus: Auch diese Themen kommen in Kehrs Texten vor. In ihrem Hit Utopie zum Beispiel beklagt sie eine von Profitstreben geprägte Welt und wünscht sich eine andere. Bei einem Konzert rufen dann alle mit: "Es geht nicht um ein Stück vom Kuchen, es geht um die ganze Bäckerei." Sie selbst hat den Spruch vor einigen Jahren an einer Brücke entdeckt. Wer ihn von ihr hört, vergisst ihn nicht so schnell.

"Geld kann nichts Gutes bewirken, nur Taten können das."

Oft tritt Kehr bei Benefizkonzerten auf oder organisiert selbst welche, zum Beispiel, um die medizinische Versorgung von Geflüchteten zu finanzieren. Ob sie mit ihren Songs etwas verändern und Menschen zum Umdenken bewegen will? Nein, sagt Kehr, es mache ihr vor allem Spaß, ihre Gedanken in Texten auf den Punkt zu bringen. Sie wünsche sich Applaus für ihre Kunst und nicht für ihre Gesinnung. Vielleicht ist es eher so: Ihre Songs sind eine Bestärkung für all jene, die sich für eine gerechtere Welt engagieren. Und davon gibt es gar nicht so wenige.