Inzwischen, teilte Vera Lengsfeld mit, müsse ein eigens beauftragter Student mit dem Mail-Ansturm fertigwerden: Mehr als 1.000 Unterzeichner hat die "Erklärung 2018" eines konservativen Kreises um die frühere CDU-Politikerin Lengsfeld bereits, in der vor "illegaler Masseneinwanderung" gewarnt wird und die auch der Schriftsteller Uwe Tellkamp und Thilo Sarrazin unterzeichnet haben. Vorige Woche berichtete die ZEIT, dass sich die Erstunterzeichner zu großen Teilen aus einem Gesprächssalon rekrutierten, in dem sich Konservativ-Bürgerliche und Vertreter der Neuen Rechten zusammenfinden. Jetzt entwickelt sich die Liste der Zweitunterzeichner zu einer Art Bekenntnis-Plakat bürgerlicher Flüchtlingskritik: Sehen Sie her, ich trau mich – und ich auch!

Am Montag dieser Woche verzeichnete die Liste 395 Doktoren aller Fachbereiche, über 100 Ärzte, um die 50 Rechtsanwälte, Chemiker und Physiker sowie knapp 170 Schriftsteller. Die Frauenquote liegt bei etwas unzeitgemäßen 15 Prozent. Längst werden sich diese Zahlen (von der Frauenquote abgesehen) weiter erhöht haben, während auf Facebook leise Entrüstung zu vernehmen ist: Denn freigeschaltet werden nur "Autoren, Publizisten, Künstler, Wissenschaftler und andere Akademiker". Nichtstudierte sind ausgeschlossen. Der Aufruf solle zeigen, dass sich Intellektuelle mit Flüchtlingsgegnern und deren Straßen-Demos solidarisieren.

So finden sich da nun mehrere Gesichtschirurgen, ein Ministerialrat im Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, Hydrobiologen, katholische Priester und Psychoanalytiker. Deren prominentester Vertreter ist Hans-Joachim Maaz, einst Chefarzt in Halle und einer der bekanntesten Seelenversteher des Nachwende-Ostens. Auch Publizisten der Neuen Rechten reihen sich ein, so der Autor Martin Lichtmesz und die Philosophin Caroline Sommerfeld-Lethen, Ehefrau des linken Intellektuellen Helmut Lethen. Und sogar Kubitschek steht mit drauf, allerdings nicht der neurechte Verleger Götz, sondern dessen Namensvetter Jochen, ein Arzt. Ein NPD-Funktionär, der sich zwischenzeitlich auf die Liste verirrt hatte, sei wieder getilgt worden, erklärt Vera Lengsfeld. Ihr Aufruf an alle "braunen Kameraden" laute: "Verzichten Sie auf den Versuch, sich auf unsere Liste zu schleichen!" Diese Namen würden "umgehend entfernt".

Aber wieso bloß sind da so viele Ärzte? Man kann ja Psychoanalytiker Maaz fragen. "Ärzte", sagt der, "lernen den Menschen in der Not kennen, haben emotional intimen Kontakt." Sie spürten die Spaltung der Gesellschaft im Herzen! Uwe Tellkamp, der Schriftsteller, warnte schon vor fünf Jahren in der ZEIT: Wenn unser Wirtschaftssystem vor die Hunde gehe, "wird es wieder marodierende Banden geben". Kein Wunder, dass der Mann diese Ängste hat: Er ist schließlich von bürgerlicher Profession Arzt.