Es war in einer maroden Bambushütte am anderen Ende der Welt, als Wolfgang Nickel einfiel, wie er zu Hause in Großpaschleben den Abwasch geregelt kriegen könnte. Und seine ganzen anderen Probleme gleich mit. Es war das Jahr 2015, und Nickel bereiste damals mit einem indonesischen Freund die Inseln Sumatra und Java im Westen Indonesiens. Zu Hause plagten den Gastronomen viele Sorgen: Er fand kein Personal mehr und dachte darüber nach, sein Fischrestaurant und seinen Ferienhof für mehrere Tage in der Woche zu schließen, obwohl er mehr als genug Gäste hatte.

Nun saß Nickel in dieser Hütte in der indonesischen Stadt Sanur mit seinem Reisegefährten, dessen Freunden und ihren erwachsenen Kindern beim Essen zusammen. Und es stellte sich heraus: Fast alle in dieser Gruppe waren arbeitslos. Da fragte einer der indonesischen Freunde, ob Nickel ihre Kinder mit nach Deutschland nehmen könne, damit sie dort Arbeit fänden. Eine einfache Frage und ein naheliegender Gedanke – lägen zwischen Indonesien und Nickels Heimat, Großpaschleben bei Halle, nicht 12.000 Kilometer Entfernung und eine noch schwerer abschätzbare sprachlich-kulturelle Distanz.

Drei Monate später holte Nickel seine ersten vier indonesischen Auszubildenden vom Frankfurter Flughafen ab: eine Grundschullehrerin, einen Informatiker, einen Abiturienten und einen angehenden Hotelfachmann, alle Anfang bis Mitte 20. Viele junge Indonesier haben eine gute Ausbildung, aber allein nach offiziellen Zahlen ist jeder fünfte arbeitslos. Die neuen Azubis begannen bei Nickel eine Lehre als Koch oder Hotelfachmann. Weil das so ungewöhnlich war, berichtete die Lokalpresse, und Nickel bekam Anfragen von anderen Gastwirten und Hoteliers. Auch sie fänden kaum noch Azubis, ob er helfen könne?

Begonnen hat alles mit seinem Fernweh, damals in der DDR

Damit begann so etwas wie das private Wolfgang-Nickel-Programm gegen Fachkräftemangel. "Bis heute habe ich 89 Azubis aus Indonesien nach Deutschland geholt", erzählt der 60-Jährige mit rauer Stimme. Während des Gesprächs zündet er sich eine Zigarette nach der anderen an. "Gegen den Stress", sagt Nickel. Erst vorgestern ist er von einer neuen Recruiting-Tour aus der indonesischen Hauptstadt Jakarta zurückgekehrt. Mehr als 20 Stunden Reise liegen hinter ihm. Neun der 89 indonesischen Azubis arbeiten heute in Nickels Betrieb, dem Restaurant Forellenhof, und auf dem Paschlewwer Freizeit- und Ferienhof. Die anderen hat er an Arbeitgeber in ganz Deutschland vermittelt: vor allem an Restaurants und Hotels an der Ostsee oder im Harz, aber auch an ein Pflegeheim in Bitterfeld. "Vermittlung von Auszubildenden aus Indonesien" steht heute auf Nickels Website. Die Azubis aus Fernost sind für ihn auch ein Geschäft, 300 Euro verdient er an jedem vermittelten Lehrling. Die Nachfrage ist groß: Mehr als 1.400 Anfragen aus dem ganzen Bundesgebiet habe er bislang erhalten. Täglich kämen 30 dazu.

Doch die Azubis aus Indonesien sind für ihn mehr als Arbeitskräfte. Nickel hat sich in das Land und seine Einwohner verliebt. Etwa zwanzigmal, schätzt er, war er schon dort. Begonnen hat alles mit seinem Fernweh. Nickel wuchs in der DDR auf und ließ sich nach der Schule zum Gastronom ausbilden. Er war nicht unglücklich, "aber ich war immer wahnsinnig neugierig auf alles, was hinter der Mauer passierte."

Als die Mauer fällt, ist Nickel Anfang 30. Wann immer es geht, reist er jetzt mit seiner Frau ins Ausland: nach Chile und Brasilien, nach Australien und in die USA. Aber Asien hat es Nickel besonders angetan. Er verbringt Stunden in Tempeln, ist fasziniert von ihrer Bauweise, der Farbenpracht, den Kunstschätzen. Auf unzähligen Rucksackreisen hat er alle 47 asiatischen Länder besucht.

Dass es ihn immer wieder nach Indonesien zieht, liegt auch an seinem Freund. Über das Internet hatte Nickel einst einen Guide gesucht und Augustinus Hutapea gefunden, der sechs Jahre in Köln studiert hat und fließend Deutsch spricht. Hutapea und Nickel freunden sich an, reisen immer wieder durch das Land, und Hutapea nimmt ihn mit zu seinen Freunden. "Wahnsinnig sympathische Menschen, die mich behandelt haben, als würden wir uns ewig kennen", sagt Nickel.