Es ist nicht vorgesehen, dass Youssef in Europa lebt. Die Sicherheitsbehörden in Deutschland haben ihm den Spitznamen "Nafri", kurz für Nordafrikaner, verpasst. Seit 2015 drehen sich unzählige Leitartikel, Debatten in Parlamenten und der politische Streit um junge Männer wie ihn. Auch in anderen europäischen Ländern wird er gefürchtet. Wie sieht also das Leben eines Menschen aus, der hier nicht sein darf? Was bewegt so einen "Nafri"? Wer ist Youssef?

Der muskelbepackte junge Mann mit den schwarzen Haaren ist 22 Jahre alt, in Casablanca geboren und aufgewachsen. Er trägt stets eine Kappe auf dem Kopf. Wenn er lächelt, kneift er sein rechtes Auge ein bisschen zu. Und er lächelt oft, obwohl er dafür fast nie einen Anlass hat.

Die Geschichte von Youssef, wie er sie selbst erzählt, beginnt im Jahr 2015. Damals schlich er sich an einen vom marokkanischen Militär bewachten Strand, klammerte sich nachts an ein Boot unweit der spanischen Enklave Melilla. Als es im Morgengrauen am europäischen Festland anlegte, warf er seinen Körper in den Sand der iberischen Küstenstadt Almería. Youssef heulte vor Freude und Erschöpfung, er war dem Tod durch die Bootsturbine knapp entkommen. Und der festen Überzeugung, sein neues Leben in Europa könne nur besser werden. Ein Leben ohne Armut, ohne Arbeitslosigkeit, fern des schlagenden, alkoholabhängigen Vaters.

Anfang Februar 2018, knapp drei Jahre nach seiner Ankunft in Europa, sitzt Youssef auf einem Plastikstuhl vor einer Shisha-Bar in Genf. Er lächelt wieder andauernd, lacht zwischendurch laut. So als würde er es selbst kaum glauben, welches Leben er da gerade lebt. So als würde er sich selbst auslachen, und diese Weltordnung, die Gestalten wie ihn überhaupt ermöglicht. Er nuckelt am Plastikmundstück einer Wasserpfeife mit Apfelgeschmack. Der weiße Dampf, der beim Sprechen aus seinem Mundwinkel strömt, versüßt die klare Schweizer Nachtluft.

In der Silvesternacht 2015/2016 war Youssef in Köln, auf der Domplatte. Er hatte sich bunte Pillen eingeworfen, Wodka und mehrere Flaschen Bier getrunken, ein paar Joints geraucht. Dann hatte er seine Hand ausgestreckt, in Richtung eines offenen Rucksacks. Youssef griff im Suff und unter Drogeneinfluss, wie später ein ärztliches Attest und Zeugenaussagen bestätigen werden, nach einer Pfandflasche im Gegenwert von 25 Cent. Just in diesem Augenblick verhaftete ihn ein Polizist in Zivil. Es folgten mehrere Monate Untersuchungshaft und zwei Gerichtsverfahren. Vor dem Kölner Amtsgericht wurde schnell klar, dass Youssef keine Frauen belästigt hatte. Er hatte aber auch keine Perspektive, als Asylbewerber anerkannt zu werden. Ein Kölner Richter legte ihm bei einer Verhandlung deshalb nahe, Deutschland zu verlassen. Egal auf welchen Wegen.

Diese Wege führten den jungen Marokkaner seiner Schilderung nach in den vergangenen drei Jahren durch neun europäische Länder, in fünf davon hat er mit unterschiedlichen Namen Asyl beantragt. Einmal gab er an, dass er noch minderjährig sei. Zwischendurch war er immer wieder obdachlos, hat Drogen verkauft, geklaut, ohne Papiere gearbeitet und saß hier und dort in Gefängnissen. Immer kam er nach ein paar Tagen frei, mit der Gewissheit, dass er demnächst wieder in eine Polizeikontrolle geraten würde.

Regelmäßig hat Youssef in den vergangenen drei Jahren von unterwegs Videos und Bilder auf Facebook gepostet. Man konnte dort verfolgen, wo er gerade was macht. Mal kaufte er stolz in einem modernen Supermarkt in der Nähe von Amsterdam ein. Mal sah man ihn vor der Kulisse von Venedig. Manchmal schrieb er kleine Gedichte dazu: "Fick die Grenzen, ich bin frei. Bei den Meistern im Norden mache ich mich breit!"

Er habe in den vergangenen drei Jahren die Gesellschaften Europas kennengelernt und verstanden, sagt er. Nun wisse er, wo er sich einen Platz erkämpfen könne – und wo nicht. "Die niederländische Polizei, das sind die größten Hurensöhne überhaupt." Durch die Straßen hätten sie ihn gejagt. Drei Monate habe er es dort nach seiner Ausreise aus Deutschland ausgehalten. Er musste schnell weg, sagt er.