Es soll ein Handstreich sein, der eine Revolution in Gang setzt. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron plant, das französische Zivilrecht zu ändern, den berühmten, über 200 Jahre alten Code Napoléon. Und zwar dort, wo Napoleon Bonaparte im Jahr 1804 die für Kontinentaleuropa bis ins 20. Jahrhundert prägende Definition eines Privatunternehmens vornahm. Im Artikel 1833 heißt es: "Jede Gesellschaft muss ein erlaubtes Ziel verfolgen und im gemeinsamen Interesse der Teilhaber errichtet sein." Nur legal und im Interesse der Eigentümer müssen Unternehmen demnach handeln. Damit setzte Napoleon dem Kapitalismus kaum Grenzen.

Seither haben alle Versuche in Europa, den Zweck eines Unternehmens umfassender als durch seinen Gewinn zu definieren, zwar zu moralischen Selbstverpflichtungen einzelner Unternehmen oder freiwilligen Regeln der guten Unternehmensführung geführt, wie etwa dem deutschen Corporate Governance Kodex. Aber nicht zu Verpflichtungen durch den Gesetzgeber. Kleine Ausnahmen sind der britische Company Act von 2006 und eine junge EU-Richtlinie, die Großunternehmen verpflichtet, ihre Umwelt- und Sozialkonzepte zu veröffentlichen.

Macron plant nun, den Artikel 1833 zu ergänzen: "Die Gesellschaft muss in ihrem eigenen Interesse geführt werden, unter Berücksichtigung der sozialen und ökologischen Folgen ihrer Aktivitäten." Anfang Mai soll das Kabinett die Änderung verabschieden.

Soziale und ökologische Verpflichtungen der Firmen sollen, so wünschen sich das die um historische Ansprüche nie verlegenen Berater des Präsidenten, aus dem Code Napoléon einen Code Macron machen. Und sie denken die welthistorische Chance gleich mit. Wie sich einst das französische Zivilrecht schnell über ganz Europa ausbreitete, so soll der Code Macron nach Vorstellung seiner Urheber später in der ganzen EU gelten. Der Präsident wolle damit Recht und Bewusstsein in einer postindustriellen Epoche prägen, in der die Freiheit der Unternehmen nicht grenzenlos sein dürfe.

Ein Regierungsbericht von Anfang März setzte den das Projekt prägenden Ton: "Der wechselhafte Aktienbesitzer von heute hat nicht mehr viel gemein mit dem Gesellschafter, an den sich das Zivilrecht von 1804 richtet." Die eigentliche Schreibarbeit für den Bericht hat Jean-Baptiste Barfety geleistet, ein junger Inspektor im Pariser Arbeitsministerium, das gegenüber dem Eiffelturm liegt. Dort führt Barfety den Besucher in einen grün gestrichenen Raum. Vor 50 Jahren saßen hier Arbeitgeber und Gewerkschaften beisammen, um den Generalstreik beizulegen. Seither kennt jedes französische Schulkind den "Saal der Einigung" im Arbeitsministerium. Niemand hielt eine Einigung 1968 für möglich, aber sie gelang.

Genauso, sagt Barfety, halte es heute niemand für möglich, dass sich die Interessen der Unternehmen mit den ökologischen Interessen der Menschheit vereinen ließen. Aber genau daran arbeite Macron, sagt Barfety. Bemerkenswert ist an dem jungen Mann, dass ihm die Referenz "Menschheit" nicht ein bisschen arg ambitioniert scheint, wenn es um seine Arbeit und die seines Präsidenten geht. Man dürfe sich nicht wundern, sagt er, Frankreich sei eben ein universell denkendes Land.