Alle Menschen streben nach Freiheit. Wenn es etwas gibt, worin sich heute in den westlichen Gesellschaften die meisten Menschen einig sind, so ist das wohl die Überzeugung, dass Individualität, Freiheit und Selbstbestimmung zu den wichtigsten Werten gehören. Doch was heißt das eigentlich: individuelle Freiheit?

Die philosophische Geschichte des modernen Freiheitsbegriffs beginnt mit Thomas Hobbes (1588–1679). Hobbes verstand Freiheit als Willkürfreiheit: Frei ist, wer tun kann, was er will, und daran von anderen nicht gehindert wird. Dieses Freiheitsverständnis hat man auch negative Freiheit genannt: Freiheit ist Unabhängigkeit von äußerlichen Zwängen.

Ein solches Verständnis von Freiheit hielt Immanuel Kant (1724–1804) für unzureichend. Kant ging davon aus, dass man in seiner Freiheit nicht nur von außen und durch andere, sondern auch von innen und durch sich selbst eingeschränkt sein kann. Unfrei handelt danach auch, wer stets allen Eingebungen des Augenblicks und ausschließlich seinen jeweils spontanen Antrieben folgt.

Kant versteht Freiheit nicht bloß als Willkürfreiheit, sondern als Autonomie oder Selbstgesetzgebung. Freiheit heißt nicht einfach tun, was wir wollen, sondern auch jenen Regeln und Verpflichtungen folgen, die wir uns durch unsere Vernunft selbst gesetzt haben. Handeln aus Freiheit heißt Handeln aus vernünftiger Einsicht. Die höchste Form der Freiheit aber ist ein Handeln nach solchen Regeln, von denen wir wollen können, dass sie allgemeines Gesetz wären. Kants berühmter Begriff dafür lautet: kategorischer Imperativ. Er verbindet Freiheit, Vernunft und Moral.

Unser modernes, die gegenwärtige Kultur prägendes Verständnis von Selbstbestimmung ist jedoch ein anderes. Es zielt weder auf die bloße Abwesenheit äußerer Zwänge noch auf vernünftige Selbstgesetzgebung, sondern geht auf einen dritten Freiheitsbegriff zurück. Dieser dritte, im engeren Sinn individualistische Begriff fasst Freiheit als Selbstverwirklichung und Selbsterfüllung auf. Und er zeigt, dass unsere Freiheit auch durch sozialen Konformismus bedroht sein kann. Ein antikonventionalistisches Verständnis von Freiheit als Selbstentfaltung findet sich zuerst in der Romantik, aber auch im liberalen Perfektionismus, etwa bei John Stuart Mill (1806–1873).

Und heute? Nach dem modernen Verständnis heißt frei sein nicht nur, tun können, was man will, sondern tun können, was man wirklich will. Wenn Freiheit nämlich nur hieße, tun zu dürfen, was man wünscht, so bliebe die Frage offen, woher diese Wünsche ihrerseits stammen. Wahre Freiheit – so der Gedanke – kann nicht nur äußerlich eingeschränkt, sondern auch durch die Internalisierung von Motiven beschädigt werden, die nicht zu dem passen, was uns eigentlich als Individuen ausmacht. Freiheit als Selbstverwirklichung beruht auf zwei Annahmen: dass es erstens einen Unterschied zwischen selbstbestimmten und fremdbestimmten Handlungen gibt, aber zweitens auch einen Unterschied zwischen authentischen Wünschen und solchen, die uns von unserem "wahren Selbst" entfremden.

Blickt man vor diesem philosophiegeschichtlichen Hintergrund auf die Gegenwart, so zeigt sich eine Ambivalenz: Das Recht auf Selbstbestimmung ist gegenwärtig weithin anerkannt. Jedoch wird die emanzipatorische Idee individueller Autonomie oft verkürzt verstanden. So wurde im ökonomischen Diskurs aus der Selbstbestimmung die Eigenverantwortung und aus dem Subjekt der Selbstbestimmung die Ich-AG. Es dominiert zunehmend eine rigidisierte und verengte Vorstellung von Autonomie, wonach sich Selbstbestimmung und Angewiesensein auf andere genauso ausschließen wie Selbstbestimmung und Sorge um das Wohlergehen anderer.

Muss das so sein? Nein. Wenn Selbstbestimmung heißt, sich an den eigenen authentischen Wünschen zu orientieren, so ist damit über den Inhalt dieser Wünsche noch nichts gesagt. In der Regel haben wir nicht nur Wünsche, die sich auf unser eigenes Wohlergehen beziehen, sondern auch solche, die sich auf das Wohlergehen anderer richten. Selbstbestimmung und die Sorge um das Wohlergehen anderer müssen keine Gegensätze sein.