Einer der blinden Flecken der abendländischen Literatur ist das Thema Putzen. Selbst die großen Realisten des 19. Jahrhunderts hatten nicht die Geduld, einen gründlichen Frühjahrsputz zu schildern. Im 20. Jahrhundert sieht es nicht besser aus. Musil, Doderer, Thomas Mann: Hunderte von Seiten über Schränke, Lampen, Vorhänge und Teppiche in den Wohnräumen des Romanpersonals, aber kaum ein Halbsatz über die Techniken und Gerätschaften, die benötigt werden, um den ganzen Kram sauber zu halten. Für einen Roman unserer Zeit wären folgende Sätze typisch: "Als Svenja auf der Couch lag und zum Fenster sah, fiel ihr auf, dass durch die verschmutzten Scheiben kaum mehr Licht ins Zimmer drang. Sie nahm sich vor, das Fenster in den kommenden Tagen zu putzen. Aber am nächsten Morgen hatte sie es bereits wieder vergessen".

Das niedere Prestige des Putzens lässt sich am besten begreifen, wenn man es mit dem des Kochens vergleicht. Die beiden elementaren Haushaltstätigkeiten treten gemeinhin als rhetorisches Duo auf, man spricht ja vom "Kochen und Putzen". Während jedoch das Kochen eine beispiellose Medienkarriere erlebt, führt das Putzen eine Schattenexistenz. Keine Zeitung hat je eine Putzkolumne hervorgebracht. Es gibt zwischen kochen und putzen eben doch einen essenziellen Unterschied. Beim Kochen entsteht etwas. Beim Putzen wird nur etwas beseitigt, das sich unverzüglich wieder einstellt, um erneut beseitigt zu werden. Es ist der ewige Kreislauf des Staubes. Keine andere Tätigkeit ist dem Dasein von Sisyphus so nahe wie das Putzen.

Gegen diese trostlose Sichtweise seien die Bücher von Linda Thomas empfohlen. Linda Thomas wurde 1953 in Südafrika geboren und lebt in der Schweiz. Sie hält Vorträge und Seminare, in denen es wie in ihren Büchern (Putzen lieben!, Frühjahrsputz) ausschließlich um die spirituell befreiende Wirkung des Putzens geht. Erst einmal, sagt Linda Thomas, sollte man das negativ besetzte Wort putzen durch das Wort pflegen ersetzen. Außerdem soll man chemische Putzmittel weglassen. Linda Thomas rät zur Verwendung von sogenanntem Butzwasser. Worum es sich dabei handelt, ist für den Laien nicht einfach zu verstehen. Man könne es, sagt Linda Thomas, auch als "leeres Wasser" bezeichnen. Es eigne sich vorzüglich als "Oberflächenaktivator", da ihm in einem aufwendigen alchemistischen Prozess "alle Eigenschaften des normalen Wassers entzogen wurden".

Sollte je ein Schriftsteller auf die Idee kommen, den ersten großen Putzroman der abendländischen Literatur zu verfassen, dann muss er "Leeres Wasser" heißen.

Linda Thomas: Frühjahrsputz. Putzen als kulturelle Tradition und andere schöne Dinge
Verlag am Goetheaneum, Dornach 2014; 160 S., 14,– €