Die Fußballwelt überraschte in der vergangenen Woche mit zwei Meldungen. Erstens: Thomas Tuchel geht nicht zu den Bayern. Zweitens: Der Katalane Pep Guardiola ist ein Besessener. Auf den ersten Blick stehen diese Meldungen für sich. Aber was, wenn sie ein Abbild dessen sind, wie Fußball in Deutschland gedacht wird? Es gibt da nämlich ein verbindendes Gefühl: Angst.

Eine verpasste Chance braucht immer einen Schuldigen. Der stand im Fall Tuchel mit Uli Hoeneß schnell fest. Nachdem der Bayern-Präsident bereits im Herbst seinen Kollegen Karl-Heinz Rummenigge bei der Kontaktaufnahme mit Tuchel ausgebremst haben soll, damals wurden zwei persönliche Treffen kurzfristig abgesagt, zögerte er nun auch im Frühjahr zu lange. Als es dann endlich zur Telefonkonferenz zwischen den Bayern-Bossen und Tuchel kam, konnte der nur noch mitteilen, zehn Tage zuvor bereits einem anderen europäischen Verein zugesagt zu haben. Wäre es nach Tuchel gegangen, wäre das gar keine Nachricht gewesen. Geleakt wurde sie, heißt es, von den Bayern – auch ein Phänomen der Liga, schließlich bildet man sich hier auf Deutungshoheit viel ein. Was es im konkreten Fall zu deuten gibt, scheint zweitrangig.

Ob die Absage schlecht für Bayern ist, lässt sich erst sagen, wenn Tuchel seine Qualität auf internationalem Topniveau bewiesen hat. Was man allerdings schon jetzt an dieser Entwicklung erkennt, ist ein Mangel an Souveränität in der Liga. Immer wieder wurde der herausfordernde Charakter Tuchels als Argument für die Skepsis gestreut – wohlgemerkt: ohne sich auch nur ein Mal persönlich mit ihm, geschweige denn mit seiner Idee, die Bayern zu trainieren, auseinanderzusetzen. Mehr Hybris geht kaum.

Womit wir bei Pep Guardiola wären. Gerard Piqué hat einen Text für das Portal The Players’ Tribune verfasst. Ungewöhnlich offen beschreibt der Verteidiger des FC Barcelona in diesem Artikel die Welt, "von der die Öffentlichkeit keine Vorstellung hat". Die Zuschauer könnten Spielergebnisse und Wechselgerüchte googeln, aber wie ein Spieler sich als Mensch fühle, "was ihn bewegt und was ihn ängstigt", das wüssten die wenigsten. Piqué würdigt sowohl seinen Ex-Coach Sir Alex Ferguson wie auch seinen ehemaligen Trainer Pep Guardiola als einzigartige Führungsfiguren. Was das Stück so besonders macht: Piqué sucht nicht die Schuld bei anderen, er hinterfragt sich selbst und kommt zu dem Ergebnis, unter Guardiola in der Saison 2011/12 zu zweifeln begonnen und so das Vertrauen des Trainers verloren zu haben. Dieser verlange, 24 Stunden am Tag besessen vom Fußball zu sein. Man lernt aus diesem Artikel: Pep Guardiola besitzt die Fähigkeit, Spieler dank seines enormen Wissens mit Worten und Gesten aus der Banalität des Fußballalltags zu holen und sie zu überragenden Figuren in einem Zirkus zu machen, der im Grunde tatsächlich stupide ist.

Hängen geblieben ist in den deutschen Medien jedoch nur Guardiolas Besessenheit, schließlich passt die so gut zu den Gerüchten, die über ihn als Bayern-Trainer publiziert wurden, und dem zufriedenen Gefühl, froh sein zu können, dass er weg ist. Was man dabei leicht vergisst, ist Guardiolas Gabe, eine Mannschaft auf ein Niveau zu heben, das einem tatsächlich Angst einjagen kann, weil es einem ein Gefühl davon verleiht, was alles möglich ist in dieser banalen Fußballwelt. Es gibt einen Trainer, dem das auch zuzutrauen wäre: Thomas Tuchel. Nur eben nicht in Deutschland.