Mama, wie lange bleiben wir eigentlich in der Kiste?

Ich liege neben meiner Tochter. Eigentlich wollte ich sie ins Bett bringen, bin dabei aber wieder mal selbst eingeschlafen.

"Welche Kiste?", frage ich.

"Na, die, in die man kommt, wenn man tot ist", sagt meine Tochter. "Können wir zusammen in eine Kiste? Und mein Stoff-Flamingo auch? Holt uns Gott mit einer Wolke hoch? Und behalte ich im Himmel meine blonden Haare?"

Ich glaube nicht an Gott. Kann es nicht, habe es nicht in mir. Als Kind wurde ich weder getauft noch konfirmiert. Meine Mutter fand, dass ich selbst entscheiden solle, und ich entschied mich dagegen. Zu verstörend fand ich manche Passagen aus der Bibel. Allein die Vertreibung aus dem Paradies. Ich wuchs allein bei meiner Mutter auf, meine Vatersehnsucht war groß, und für mich las sich die Geschichte so: Da stellt ein Vater seinen Kindern einen Teller mit Süßigkeiten auf den Tisch. Nichts davon essen, sagt er und geht. Natürlich naschen die Kinder doch, woraufhin der Vater sie rausschmeißt.

Aber was hat er denn erwartet? Warum überhaupt die Süßigkeiten? Macht es ihm am Ende Spaß, seine Kinder zu bestrafen?

Egal wie sehr ich mir einen Vater wünschte: So einen wollte ich nicht.

Mama, kommt der Dieb von deinem Fahrrad auch in den Himmel?

Im Religionsunterricht redeten wir über solche Themen nicht. Wir sprachen stattdessen über die Anfechtungen der Stadt, in der wir groß wurden. Berlin. Drogen. Alkohol. Der Einzige, der mich während meiner gesamten Jugend in ein Gespräch über Gott verwickeln wollte, war ein Zeuge Jehovas, der am U-Bahnhof den Wachtturm verkaufte. Später machte ich eine Psychoanalyse. Über drei Jahre hinweg sah ich meine Analytikerin häufiger als die meisten im Laufe ihres Lebens einen Pfarrer. Der Weg zum Glauben war mir damit endgültig verschlossen. Für Sigmund Freud war Religion eine universelle Zwangsneurose.

Nun ist geschehen, was ich nie für möglich gehalten habe. Meine Kinder glauben an Engel, sie glauben an ein Wiedersehen nach dem Tod, sie glauben, dass Gott auf sie aufpasst. Neurotisch kommen sie mir dabei nicht vor. Eher fröhlich und unbefangen. Nach der Geburt unserer kleinsten Tochter spielten die beiden älteren begeistert "Maria, Joseph und das kleine Jesusbaby" mit ihr. Und als wir im Sommer in den Schweizer Bergen an einer Kirche vorbeikamen, hinterließen sie neben dem Altar Briefe an Gott. Die Gelegenheit erschien ihnen günstig. "Hierher hat es Gott nicht so weit", erklärte mir die Fünfjährige. Sie wurde zu dieser Zeit von Albträumen geplagt und diktierte mir für ihren Brief, dass Gott machen solle, dass diese Träume verschwinden. In der darauffolgenden Nacht schlief sie ruhig wie lange nicht mehr.

Manchmal beten meine Töchter auch. Die eine bedankt sich bei Gott, dass sie Klassensprecherin geworden ist, die andere bittet um ein Wiedersehen mit der ehemaligen Erzieherin. Gemeinsam bitten sie ihren Vater im Himmel darum, dass der Vater auf Erden ihnen endlich mal wieder Pfannkuchen macht (und sorgen dafür, dass der das auch hört).

Mama, ist das ein anderer Gott, der will, dass sich Frauen einwickeln? Ist er mit unserem verwandt? Gibt es noch mehr Gotts?

Kinder hätten "ein unglaubliches Bedürfnis zu glauben", hat die Psychoanalytikerin Julia Kristeva geschrieben. Irgendwann haben auch meine Töchter begonnen, über Gott wie über eine Tatsache zu sprechen. Anfangs hat mich das irritiert, manchmal geärgert. Nicht nur einmal habe ich darüber nachgedacht, ihnen Gott wieder auszureden. Aber darf ich das? Ihnen etwas nehmen, nur weil ich es nicht habe?

Mama, hast du Gott schon mal gesehen?

Ich begebe mich auf die Suche. Wonach? Suche nach Gott klingt mir zu groß. Ich will vor allem herausfinden, wo ich mir etwas an Glauben ausleihen kann, das mir in den Gesprächen mit meinen Kindern hilft. Und ich habe selbst viele Fragen. Im Englischen gibt es die Unterscheidung zwischen sky und heaven. Sky ist der blaue Himmel über uns, heaven der religiöse Himmel. In der Kindheit fallen die beiden zusammen, aber wie ist das, wenn der Glauben erwachsen wird?