Wenn es um Gleichstellung an den Universitäten geht, wird immer über Frauen gesprochen – wie sie aussehen, auftreten, forschen. Warum redet niemand über die Männer in der Wissenschaft?

Kalifornien versank kürzlich in tiefer Vergangenheit. An der Hoover Institution, einem konservativen Thinktank in Stanford fand eine zweitägige geschichtswissenschaftliche Konferenz statt. Es ging um den Einfluss historischer Forschung auf aktuelle politische Fragestellungen – um Trumps Populismus, um Kryptowährungen, um globale Ungleichheit. Um die Zukunft also. Auf den Podien diskutierten: Männer, Männer, Männer. Einunddreißig, um genau zu sein, allesamt weiß. Freundlich lächelten sie, Krawatte an Krawatte, von der Website der Konferenz. Die einzige Frau, die ein Podium moderierte, fand sich in dieser Galerie der Gleichen nicht wieder.

Die All-Male-Konferenz landete auf Twitter, kursierte unter Historikerinnen, die New York Times berichtete, die Männer rechtfertigten sich. Doch, doch, man sei sich bewusst gewesen, dass man "zu weiß und zu männlich" sei, sagte der Organisator der Tagung, der britische Historiker Niall Ferguson. Man habe das "explizit diskutiert". Man habe ja auch Frauen eingeladen – vier –, die aber leider nicht verfügbar gewesen seien. Und, so ließ Ferguson wissen: Er mache sich Vorwürfe, die Historikerinnen nicht zu kennen, die es ja sicher gebe. Aber es sei auf der Tagung um Wirtschaft, Politik, Diplomatie und Krieg gegangen – Themen, an denen nun mal Männer arbeiteten. Der Autor Tom Holland schrieb auf Twitter: "Hätte ich meine Einladung also ablehnen sollen – aber zugunsten wessen?"

Die Einladungspolitik dieser Konferenz, aber auch die Rechtfertigungsrhetorik ihrer Teilnehmer, ist ein anschauliches Beispiel für ein Problem der gesamten Wissenschaftslandschaft. Sie hat sich angewöhnt, dieses Problem unter der Schlagzeile "Frauen in der Wissenschaft" zu diskutieren, und sie hat es in den letzten Jahren exzessiv mikroskopiert: Die geringe Anzahl an Frauen in Hörsälen und Laboren und auf Konferenzen. Klischeehafte Vorstellungen, wie eine Forscherin sich zu kleiden, wie sie zu reden, wie sie zu verhandeln hat. Der Ehrgeiz, die Schüchternheit, die Qualifikation der Wissenschaftlerinnen.

Nur um eine Gruppe geht es in diesen Analysen und Debatten gemeinhin wenig: Die "Männer in der Wissenschaft". Wie sie aussehen, wie sie kommunizieren, wie sie forschen, ihre Kinder großziehen – nicht der Rede wert. Als Männer können sie ihren natürlichen Platz im Zentrum der gesellschaftlichen Ordnung ungefragt besetzen, während ihre Kolleginnen – Le Deuxième Sexe – über jeden ihrer Schritte Rechenschaft ablegen müssen.

Dabei sind Geschlechterrollen alles andere als natürlich, sie sind historisch gewachsen, stetig im Wandel begriffen. Der indische Schriftsteller Pankaj Mishra diagnostizierte gerade im Guardian eine "Krise moderner Männlichkeit", die er an einem Potenzgebaren à la Wladimir Putin und Donald Trump festmacht. Die Männlichkeitsposen dieser Politiker liegen dem Gemüt und Selbstbild der meisten Wissenschaftler denkbar fern. Eine produktive Krise allerdings wäre ihnen dennoch zu wünschen. Denn haben sie annähernd verinnerlicht, was für viele Frauen zum Einmaleins ihres Selbstverständnisses gehört – dass auch im Innersten der vermeintlich objektiven, kühlen Wissenschaft die Frage nach dem Geschlecht bedeutend bleibt?

Kurzer Gang ins Archiv. "Unsere Universitäten", befand 1897 der Rechtswissenschaftler Otto von Gierke, "sind Männeruniversitäten." Sie wurden von Männern für Männer gemacht, seit je, und so sollte das bleiben – eigentlich. An der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin etwa verlangte die Habilitationsordnung nicht nur einen Magister- und Doktorgrad, sondern auch die Ableistung des Militärdienstes. Um die Lehrbefugnis erreichen zu könnten, mussten Frauen nicht nur solch formale Hürden außer Kraft setzen, sondern auch die Geringschätzung und Beschämung für ihre Arbeit in Kauf nehmen. In ihrem Habilitationsgutachten durfte die später deutschlandweit zweite Ordinaria überhaupt, Mathilde Vaerting, 1919 lesen, ihr "sexueller Fanatismus" habe "etwas fast Belustigendes", sie sei "offensichtlich affektiv" gegenüber den Männern "befangen". Geschenkt wurde den Pionierinnen nichts: Jeden einzelnen Buchregalmeter haben sie sich selbst erkämpft.

Wie männlich also ist die Wissenschaft? In lila Lettern auf schwarzem Grund prangte diese Frage bereits 1986 auf einem Suhrkamp-Band, den die Soziologin Helga Nowotny und die Historikerin Karin Hausen herausgegeben hatten. Wissenschaftsgeschichtlich war dieser Band, war überhaupt die frühe Geschlechterforschung dieser Zeit bahnbrechend, denn sie riss erstmals den ganzen Horizont dessen auf, was die Soziologie heute mit dem sperrigen Begriff "Vergeschlechtlichung" beschreibt: dass sich nämlich zeitgleich zur Entstehung der modernen Universitäten und der Ausdifferenzierung wissenschaftlicher Disziplinen im 19. Jahrhundert auch die bürgerliche Geschlechterordnung ausprägte. Die Definitionen, was Mann, was Frau, was Wissenschaft sei, verwickelten sich systematisch ineinander.