Bist du verrückt?, fragen mich meine Freunde. Rolf sagt, seine schauen ihn meist komisch an. Du bleibst nachts bis halb fünf wach, um Eishockeyspiele aus Nordamerika zu gucken? Lachen, Kopfschütteln, ne, da hört der Spaß doch auf.

Falsch: Für Rolf und mich fängt der Spaß da erst an.

Es ist eine Nacht von Mittwoch auf Donnerstag, halb zwei Uhr morgens, als wir uns auf sein Sofa setzen. Rolf legt die Füße auf den flachen Glastisch, der vor ihm steht, in der Hand hat er ein Rotweinglas. Ich setze mich neben ihn und trinke Cola. Zwischen uns liegt eine Tüte Chips. Vor uns an der Wand: ein riesiger Flachbildschirm. "Den habe ich eigentlich hauptsächlich für Sport, ich schaue kaum was anderes", sagt Rolf.

Ich habe Rolf gefragt, ob wir dieses Spiel zusammen anschauen wollen: Boston Bruins gegen Montreal Canadiens, zwei Rivalen in der besten Liga der Welt, der NHL. Die Canadiens sind mein Team. Ein Jahr lang habe ich in Montreal studiert, seitdem lese, höre, sehe ich alles, was es über die Canadiens gibt. Dass Rolf Fan derselben Sportart ist, habe ich in der Zeitung gelesen. Da wird öfter über ihn berichtet. Rolf heißt mit Nachnamen Habben Jansen. Er zog im Frühjahr 2014 nach Hamburg und begann hier zu arbeiten. Als CEO der Reederei Hapag-Lloyd.

Im hamburgischsten aller Hamburger Unternehmen brach er mit Traditionen. Krawatte? Trägt er nur, wenn es sein muss. Siezen? Lieber nicht. Ich bin Rolf, sagt er, Vorname reicht. So war es auch bei mir. Wir sind uns an diesem Abend zum ersten Mal begegnet, ein paar Stunden zuvor im Internationalen Maritimen Museum in der Speicherstadt. Dorthin hatte sein Arbeitgeber eingeladen, zum Pressediner. Rolf stand an einer langen Tafel, über ihm schwebte ein an Seilen befestigtes Segelschiff. Er hielt eine kurze Rede, sprach von 10.500 TEU-Schiffen, die neu für das Fahrtgebiet zwischen Europa und Lateinamerika gekauft worden seien, von Schulden und ungesicherten Krediten, vom Closing zwischen Hapag und UASC, von einem Orderbuch, das gut gefüllt sei, von Treibstoffkosten, die in die Höhe schössen, und von Verschrottungen, die deshalb auf dem Weltmarkt ebenfalls in die Höhe gingen. Die Journalisten fragten nach, Rolf antwortete. Er sprach in der Runde, er gab Einzelinterviews, er erzählte die Geschichte seines Unternehmens als Erfolgsgeschichte.

Er führte Hapag-Lloyd unter die Top-Fünf-Reedereien der Welt

Hapag-Lloyd, die größte Reederei des Landes, steckte 2009 so tief in der Krise, dass die Stadt Hamburg sie retten musste. 2014, als Rolf Habben Jansen CEO wurde, waren die Verluste immer noch hoch. Er strukturierte das Unternehmen um, trieb die Fusion mit zwei Konkurrenten voran und führte Hapag-Lloyd unter die Top-Fünf-Reedereien der Welt. An diesem Mittwoch wird er die Bilanz für 2017 verkünden. Eins zeichnet sich schon im Vorfeld ab: Es war ein außerordentlich erfolgreiches Jahr für das Unternehmen.

Der CEO hat getan, was er tun musste. Er hat geackert, rastlos, Tag und Nacht. So berichten es diejenigen, die mit ihm arbeiten.

In dieser Nacht tut der CEO, was er tun möchte. Er schaut Eishockey. Und ich lerne ihn über das Spiel kennen.

Auf dem Eis stellen sich die Mannschaften auf, Helme vor die Brust, amerikanische Nationalhymne, kanadische Nationalhymne. Rolf steht auf, holt die Fernbedienung, stellt den Ton des Fernsehers an und macht die Musik aus, die vorher im Hintergrund lief, Bruce Springsteen, Dancing in the Dark. Dann setzt er sich wieder aufs Sofa, Füße zurück auf den Tisch, Brille auf die Nase.

Ist das die typische Haltung beim Eishockeygucken?

"Ja, totale Entspannung."

Immer mit Brille?

"Sonst sehe ich den Puck nicht."

Das nordamerikanische Fernsehen zeigt, wie sich die Torwarte warm machen, blendet ihre Statistiken ein, Siege, Durchschnitt der Gegentore. Rolf sagt: "Euer Goalie hat keine gute Saison. In den letzten Jahren überragend, jetzt richtig schwach." Er weiß Bescheid. Der Torwart spielt schlecht, genauso wie die ganze Mannschaft. Montreal steht weit unten in der Tabelle. Vor einem Jahr haben sie den Trainer gewechselt, jetzt fordern viele Fans, den Manager zu feuern. Schlechte Zeiten für mich.

Rolf versteht, dass ich leide. Aber er sagt: "Wenn sie so schlechte Entscheidungen treffen und die falschen Spieler holen, haben sie es nicht anders verdient." Brutal wahrer Satz des Businessmanns.

Hast du einen Lieblingsverein?, frage ich ihn.

"Nicht wirklich. Ich mag die New York Rangers, weil ich dort öfter war, Spiele gesehen habe. Aber ich bin kein Fan."

Nur ein Fan der Sportart?

"Ich liebe die Geschwindigkeit. Fußball gucke ich auch ganz gerne, nur mache ich meistens etwas nebenbei. Wenn du Eishockey gewohnt bist, ist Fußball manchmal so was von lahm. Wie die sich die Bälle im Mittelfeld zuspielen! Und dann beklagen sich die Fußballer darüber, wenn sie zweimal die Woche spielen müssen. Beim Eishockey hat die reguläre Saison 82 Spiele, danach geht es erst richtig los mit den Ausscheidungsspielen um die Meisterschaft."