Liebe ohne Hingabe gibt es nicht. Das weiß jeder. Trotzdem scheint die Tugend der Hingabe rar in unserer liebessehnsüchtigen Epoche des Likens, Speed-Datens, Freundesammelns und permanenten Gefallenwollens. Warum? Sich aufzuopfern, an den eigenen Vorteil nicht zu denken, für sich selbst nichts zu fordern – das gilt heute als weltfremd. Es ist erlaubt nur bei den Jungen, den Frommen oder im Ausnahmezustand eines kurzen Sommers der Willkommenskultur. Nichts gegen Barmherzigkeit. Nichts gegen Flüchtlingshelfer, die immer noch helfen. Aber das Ideal unserer Zeit ist die Selbstverwirklichung. Sie ist die kleine, moralisch zweifelhafte Schwester der Selbstbefreiung, nah mit dem Egoismus und dem Opportunismus verwandt. Sie ist, wonach wir fast alle streben, obwohl es uns unglücklich macht.

Vielleicht ist deshalb jetzt die Bewunderung für jenen französischen Polizisten so groß, der bei einer Geiselnahme in einem Supermarkt starb. Er wagte, wozu nur die wenigsten bereit sind. Freiwillig ließ der Oberstleutnant Arnaud Beltrame sich eintauschen gegen eine Geisel, die von einem Dschihadisten festgehalten wurde. Der Terrorist hatte kurz zuvor in dem kleinen Ort Trèbes schon drei Menschen erschossen und bezeichnete sich selbst als Soldat des "Islamischen Staates". Es war also vorherzusehen, dass er nicht zögern würde, abermals zu töten und dabei den eigenen Tod in Kauf zu nehmen.

Als Beltrame am vergangenen Freitag vor dem Supermarkt eintraf, wusste er schon: Der Geiselnehmer war mit Pistolen, Messern und Handgranaten bewaffnet. Der Polizist, 45, Mitglied einer Spezialeinheit der Gendarmerie, wollte trotzdem unverzüglich in den Supermarkt. Hinterher heißt es in allen Meldungen, dass er in Kürze habe heiraten wollen, als müssten die Medien beweisen, dass der Mann nicht lebensmüde, sondern wirklich ein Held war. So nennt ihn der französische Staatspräsident, so nennen ihn jetzt alle, und es schwingt auch Verwunderung mit über seine schnelle, entschlossene Hingabebereitschaft.

Was ist Hingabe? Die alten Römer nannten es devotio und verstanden die Selbstaufopferung noch buchstäblich: dass ein Feldherr sich den Göttern opfert, damit seine Armee die Schlacht gewinnt. Die Christen fassten den Begriff weiter: dass der Gottessohn Jesus den Weg eines verletzlichen Menschen geht, bis zum grausamen Foltertod am Kreuz, dass er keine Rache übt an den Römern, um so den Kreislauf von Gewalt und Gegengewalt zu durchbrechen. Man muss kein Christ sein, um die Osterbotschaft zu sehen. Christus, dessen einziges Vergehen es war, die Barmherzigkeit Gottes und den ewigen Frieden zu verheißen, führt an sich selbst das Verabscheuungswürdige aller Gewalt vor.

Das hat die Gewalt nicht aus der Welt geschafft. Aber es hat einen erlösenden Effekt, ob man das Karfreitagsgeschehen nun religiös oder weltlich, buchstäblich oder symbolisch versteht.

Was ist Hingabe? Keine Bewährungsprobe für Helden. Keine Handlungsoption bloß für Hitler-Attentäter. Kein Vorrecht der Heiligen. Am Beispiel eines Claus Graf Schenk von Stauffenberg oder eines Pater Rupert Mayer, der in München laut gegen die Nazis predigte, mit der vollen Absicht, von ihnen bestraft und dadurch zum Märtyrer gemacht zu werden (damit sich das gewaltsame Wesen des Nationalsozialismus entberge), an solchen selbstlosen Helden zeigt sich nur besonders deutlich, was Hingabe immer ausmacht. Sie ist ein Geschenk, das kein Gegengeschenk erfordert. Sie sucht nicht den Vorteil, den Ausgleich oder auch nur den Beifall. Manchmal wird sie belohnt oder gefeiert, aber sie kennt kein Kalkül.