Der Jesuit Hans Zollner, ein Psychotherapeut, nennt zwei Bedingungen der Hingabe: dass man innerlich stark genug sei, um sich zu geben, und dass man für sich selbst nichts erwarte. Er glaubt, es gebe auch heute viele Hingebungsvolle, mehr als wir sehen, eben weil sie nicht ins Scheinwerferlicht drängen. Sie hätten das Gesetz des Evangeliums verstanden: "Wer sich gibt, erhält sich zurück. Und wer sich ganz gibt, erhält sich ganz zurück."

Die christliche Mystik verstand Hingabe als einen Weg zur Einheit mit Gott, und sie hat das Erotische, Ekstatische des Vorgangs betont – für den neuzeitlichen Geschmack bis über die Peinlichkeitsschwelle hinaus. Mechthild von Magdeburg schrieb im Jahr 1250 in ihren Traktaten Das fließende Licht der Gottheit: "Je gewaltiger du mich minnest, desto schöner werde ich."

Was ist Hingabe? Ein Thema, das nicht nur das Christentum, sondern auch den Islam geprägt hat. Das arabische Wort Islam kommt von dem Verb aslama – man kann es übersetzen mit "sich ergeben", "sich unterwerfen" oder eben "sich hingeben". Ein Muslim ist eigentlich einer, der sich gibt. Und der Koran erklärt Hingabe wie folgt: "Wer sich Gott ergibt und dabei rechtschaffen ist, dem steht bei seinem Herrn ein Lohn zu." Eine andere Stelle besagt: "Euer Gott ist ein einziger Gott, ihm müsst ihr euch ergeben." Leider versteht die heute dominierende Theologie darunter meist nur, sich den Geboten Gottes zu unterwerfen und die Verbote zu befolgen. Die spekulative islamische Theologie des 8. bis 13. Jahrhunderts hingegen warnte bereits vor falscher Nachahmung des Korans.

Wenn der Islam sich heute auf diese Warnung besinnen würde, könnte er die fatale Realität des Islamismus leichter überwinden: dass militante Muslime sich auf eine unbarmherzige Gesetzesreligion berufen. Aus der individuellen Hingabe an Gott machen sie die politische Hingabe an eine Feindestheologie. Diese erstrebt die Beherrschung und Islamisierung anderer. Es ist das Gegenteil der Vernunft. Selbstaufopferung wird verstanden auch als Selbstmordattentat und aggressives Märtyrertum. Natürlich gibt es das keineswegs nur im Islam. Aber vor allem im Islam kommt es jetzt darauf an, diese gefährliche Lesart zu vermeiden und Hingabe nicht als blinde Hingabe zu verstehen.

Dass der Mensch sich selbst vergessen soll für Gott oder für einen höheren Zweck, ist ein altes Problem nicht nur des religiösen Fanatismus. Wir kennen es auch aus der Zeit der linken Erlösungsutopien und des Faschismus. Was hilft: Niemals Hingabe von anderen fordern. Mit den Worten des evangelischen Theologen Thomas Klie: "Man darf Hingabe nicht zur moralischen Norm erheben."

Was ist Hingabe? Richtig verstanden ist sie ein Akt reiner Liebe, der nicht auf Erwiderung aus ist, und daher auch keine Frustration kennt. Hingabe ist nicht symmetrisch, sondern asymmetrisch. Sie folgt nicht der Logik des Tausches, sondern hat ihren Lohn in sich selbst. So zielt sie über das Wirkliche hinaus auf das Mögliche, über das Endliche auf das Unendliche. Sie ist ein transzendentes Vermögen. Hingabe ist eine nicht ganz irdische Art der Liebe. Soviel lässt sich noch heute aus der biblischen Ostergeschichte lernen.