Er wollte Maler werden. Es war das Jahr 1941, das Jahr des Angriffs auf Pearl Harbor, und der junge Grafikdesigner Irving Penn kündigte seinen Job als Assistent von Alexey Brodowitsch, des angesagten künstlerischen Direktors von Harpers Bazar Fashion Magazine, er hatte genug vom Dekorieren der Schaufenstern für Saks an der Fifth Avenue in New York, genug vielleicht auch von dem ganzen mondänen Glitter, von Amerika. Penn und seine junge Frau setzten sich ab nach Mexiko. Kreativer Rückzug. Malen und nur malen. Und vielleicht ein bisschen fotografieren, mit der zweiäugigen Rolleiflex, die sich Penn von seinem ersten Gehalt zugelegt hatte. Ein Foto aus dieser Zeit zeigt einen jungen Typen, still, mit dem Rücken zur Wand. Vor ihm auf einem Tisch Farbtuben und Pinsel. Coyoacán, Mexiko. Bilder sind nicht zu sehen. Im Oktober 1942 jedenfalls hat Penn, geboren 1917 in New Jersey, alle seine Gemälde zerstört und ist nach New York zurückgekehrt, im Gepäck nur seine Fotos. Es mag sich für ihn wie ein Tiefpunkt angefühlt haben, aber es war, für die Geschichte der Fotografie, der Beginn einer großen Karriere und einer Schaffensperiode von über 60 Jahren, die bis zu seinem Tod im Jahre 2009 währte. Im vergangenen Jahr stellte das Metropolitan Museum in New York eine große Penn-Retrospektive zusammen, 240 Fotografien aus dem breit gefächerten Werk, die Schau zog weiter nach Paris ins Grand Palais und ist jetzt in der kleinen, schon berühmten Galerie C/O Berlin angekommen.

Zu sehen sind die Stillleben, inspiriert von den Collagen der frühen Moderne, Kurt Schwitters oder Braque, natürlich Dada. Die ersten Porträtserien, 1947/48. Der kleine, zarte, traurige Truman Capote. Igor Strawinsky, die Hand am Ohr, als sei er schwerhörig. Hitchcock, krumm auf einem alten Teppich hockend. Die ganze Palette der Modeaufnahmen für die Vogue, für die er sechs Jahrzehnte lang fotografieren würde, es sind jetzt die fünfziger Jahre, und die charismatische Diane Vreeland verhext und verwandelt das Modemagazin in ein heißes Kulturevent. Ihr Artdirector Alexander Libermann fördert den jungen Penn. Es entstehen Bildsequenzen von atemberaubender Schönheit. Dramatische Inszenierungen von Körpersilhouetten gegen einen stillen Hintergrund, mit einer Betonung von Linie und Form, von Schattenwurf und Transparenz, inspiriert von der Auseinandersetzung mit der Gestik des Jugendstils und der Pariser Moderne, Matisse, Toulouse-Lautrec, van Gogh, die ihrerseits von der Kunst Japans inspiriert waren. Makellose Fotografien, wie Erscheinungen.

Es entstehen auch: Körperstudien von voluminöser, weich sich faltender weiblicher Nacktheit, wie ein stummer Aufstand in einer Welt der Magermodels. Close-ups von Zigarettenstummeln, eine fleckige, krümelige, dreckige Angelegenheit, das New Yorker Schock-Event von 1972. Außerdem: eine Galerie der kleinen Handwerksleute. Ethnografische Studien indigener Völker, mitgebracht von Exkursionen nach Neuguinea und Afrika und wieder Mexiko. Zur Eröffnung der Schau in Berlin beschwor Jeff Rosenheim, Kurator der fotografischen Abteilung des New Yorker Metropolitan, das Demokratische an Penns Werk, seinen Respekt vor dem Menschen. Und seine Immunität gegen die Ekstasen der Modewelt, und das, obwohl er sich haltlos in eine ihrer Ikonen verliebt hatte, in Lisa Fonssagrives, eine skandinavische Schönheit, das erste Supermodel des Jahrhunderts, die seine zweite Frau wurde.

Stolz bis zu den aufgekringelten Zehennägeln

Penn stammte aus ärmlichen Verhältnissen. Er war der Sohn eines jüdisch-russischen Uhrenmachers. Die Eltern trennten sich früh, Penn und seine Brüder wuchsen in der Lower East Side auf, die Mutter jongliert mit Jobs, um sie durchzubringen. Penn wird später als Jugendlicher zu seinem Vater nach Philadelphia ziehen, aber er ist imprägniert von der frühen Erfahrung des Ausgesetztseins. Als er 1948 für die Vogue nach Italien reist, wandert er in Neapel durch Viertel, in denen Menschen sich in kärglichsten Behausungen zusammendrängen, es schüttelt ihn. Er wird sich immer darauf konzentrieren, den einzelnen Menschen zu zeigen; selbst in seinen Stillleben, sagte er einmal, müsse der Mensch durchscheinen.

Er stellt seine Modelle – Superstars wie Gianni Versace oder einen Patissier aus Paris oder Picasso oder einen Gemüsehändler aus New York oder einen Metzger aus London oder den Dichter T. S. Eliot oder mit Lehm beschmierte Tänzer aus Neuguinea oder zu Mumien verhüllte Berberfrauen in Marokko oder zerlumpte Kinder aus Cuzco in Mexiko – vor die immer gleiche, mit Siena patinierte Leinwand. Die Vogue, auf der Höhe der Zeit, macht aus den Fotoshootings Farbbilder, Penn bevorzugt Schwarz-Weiß-Abzüge in Silbergelatine oder Platin, in ihnen entfaltet er seine Kunst.

Man tritt an die Bilder heran und taucht ein in wogende Schattierungen. Mag sein, dass das Schürzentuch einer Berberin metallisch aufglänzt. Der Kopf eines Tänzers aus Neuguinea, umwölkt von etwas Wolligem, darauf glitzernde Perlen und, mittig, ein zerfaserndes, fast durchsichtiges Blatt. Aufrecht schauen sie in die Kamera. Haltung ist das, was Penn sucht. Sie zeigt sich in der eleganten Biegsamkeit von Lisa Fonssagrives, an der Art, wie sie sich in die Silhouette dreht und ihm das Gesicht zuwendet, lockend und provozierend, und sie zeigt sich ebenso in den Kindern von Cuzco, die sich in ihren Fetzen mit Schwung in Pose bringen, stolz bis zu den aufgekringelten Zehennägeln. Rembrandt wird gern als Vergleich bemüht oder Goya. Und ja, auch wenn es vermessen erscheint – er steht in dieser Tradition.

Irving Penn – der Jahrhundertfotograf. C/O Berlin – bis 1. Juli 2018. Katalog und Monografie. Hrsg. v. Maria Morris Hambourg und Jeff I. Rosenheim; Schirmer/Mosel Verlag; 372 S., 68,– €

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