Man muss übrigens nicht wissen, was ein Kontrapunkt ist, um ihn in Bachs Musik hören zu können. Es ist diese eigenartige Verwobenheit der Stimmen und Instrumente, wie sie ineinandergreifen, einander umtanzen, sich bei den Händen nehmen. Es gibt in dieser Musik kein Oben und Unten. Kein Haupt und Neben, kein Groß und Klein. Es gibt eine absolute Gleichberechtigung aller Töne, jeder Ton ist zugleich Bedingung und Folge aller anderen Töne. Im Kontrapunkt ist alles eins.

Und vielleicht ist es von hier wirklich nicht mehr so weit zum tat tvam asi. In Bachs Musik schien noch ein letztes Mal die mittelalterliche Vorstellung eines großen Gesamtbilds auf, einer kosmischen Harmonie, einer absolut geordneten Welt, in der, so hat der französische Philosoph Michel Foucault es mal beschrieben, alles alles spiegelte. Oder besser, diese Idee schien in Bachs Musik nicht bloß auf, sondern sie ist darin tatsächlich verwirklicht. Man kann sie hören: universale Harmonie.

Das heißt nicht, dass Bachs Musik sedierend wirkt, dass sie immer nur ruhig ist, sie ist im Gegenteil ja voller großer Gefühle. Aber sie ist noch in den schwersten Momenten nicht wild oder ohne Sinn, immer findet sich darin Auflösung. Bei Bach ist der Schmerz immer auch irgendwie schön, und die Freude ist immer auch irgendwie traurig.

In der Musik, die auf Bach folgte, der Musik der Aufklärung, war mehr Gewichtung. Es war nicht mehr alles eins, sondern es gab Hierarchien, Führung und Begleitung. Es begann ein Zeitalter der Individualität, des Abwerfens der Demut, zum Glück übrigens. Spätestens mit Beethoven hörte der Komponist auf, bloß ein "Empfänger" zu sein, er wurde zum Schöpfer, zu einem Genie. "Fürst", schrieb Beethoven einem tatsächlich längst vergessenen hohen Herrn, "was Sie sind, sind Sie durch Zufall und Geburt, was ich bin, bin ich durch mich; Fürsten hat es und wird es noch Tausende geben; Beethoven gibt’s nur einen." Wie groß! Wie stolz! Wie wahr! Und wie anders schon als Bach, in allem.

In Madrid sagte der britische Konzertpianist James Rhodes, dem die Chaconne das Leben gerettet hat, was ihn bisweilen nerve an Bach: dessen ewiges Soli Deo Gloria. "Alles immer nur Gott! Ich würde ihn manchmal gerne schütteln und sagen: Das hat nicht Gott gemacht, Mann , das hast du gemacht! Gott war golfen, als du geackert hast! Ich meine, wenn jemals ein Mensch das Recht hatte, stolz zu sein auf sein Werk, dann ja wohl dieser." Später aber, als es darum ging, dass Bachs Musik so pur sei – das Wort, das nach "Gott" das zweithäufigste in Gesprächen über J. S. ist –, sagte Rhodes auf einmal: "Es gibt halt diese absolute Abwesenheit von Ego. Bach sagt mit seiner Musik nie: Hör mich. Hier ist meins. Er sagt immer: Hör dieses. Hier ist Musik."

Und vielleicht ist es das, was die Menschen an Bach so lieben und warum sie ihn immer mehr lieben. 333 Jahre nach Bachs Geburtstag schreit die ganze Welt ohne Unterlass Ich. In Bachs Musik aber ist Stille, so etwas wie ein Raum, in dem man zu sich selbst kommen kann, weil dort niemand labert, von sich selbst redet, niemand größer sein will als alle anderen, als man selbst. Bach macht nie Angst. Man fühlt sich bei ihm geborgen, verstanden, getragen, und deswegen auch nie allein. Man fühlt sich erkannt und erkennt sich zugleich selbst. "Mit aller Musik soll Gott geehrt werden", hat Bach gesagt, aber auch: "und alle Musik soll die Menschen erfreuen." Bachs Musik ist zur Ehre Gottes gemacht und zur Freude der Menschen. Sie ist aus Liebe.

Das Vergessen dieser Kunst begann schon zu Johann Sebastian Bachs Lebzeiten. Er war über Leipzig hinaus leidlich bekannt geworden als fantastischer Orgel- und Klaviervirtuose, er war respektiert als technisch versierter Komponist, aber als groß galt er nicht, der Generation von Bachs Söhnen fehlte es in seiner Musik bereits an "Gemüth". Oper und Pomp waren in, Kontrapunkt war out. Während Bachs Söhne in Potsdam und London dann auch erfolgreicher und berühmter wurden als der Vater, saß der Alte selbst in Leipzig, wurde blind und komponierte für die regulären Gottesdienste möglichst nahe am absoluten Minimum. Er arbeitete zum Schluss zunehmend an Musik, die nichts mehr mit dem Job zu tun hatte und noch weniger mit dem sich wandelnden Zeitgeist.

Seine letzte Arbeit war die labyrinthische, wahnsinnige Kunst der Fuge, in der er die Möglichkeiten dieser strengsten, unbarmherzigsten Form des Kontrapunkts noch einmal systematisch ausarbeitete, sie gründlicher erkundete als jeder, der vor oder nach ihm gekommen war oder kommen sollte, und dabei in die bizarrsten Welten vordrang. Er schrieb eine Musik, in der aus einem einzigen, simplen Prinzip immer mehr Prinzipien erwachsen, nur damit diese wieder auf das eine Prinzip zurückverweisen, um in dieser Rückkehr abermals ein neues Prinzip zu offenbaren. Spiegel im Spiegel, eine Musik über die Musik selbst.

Er verschwand darin. Die Kunst der Fuge blieb unvollendet. Bach starb über der Ausarbeitung eines letzten Themas, das aus der Notenfolge "B-A-C-H" bestand. Ganz am Ende seines Lebens signierte er also doch. Ein einziges Mal. Wie ein letztes Zwinkern, wie das letzte Blinken einer Weltraumsonde, bevor sie endgültig außer Sichtweite der zurückgebliebenen Sterblichen fliegt.

Richtigstellung: Das Zitat von Mozart ("Bach ist der Vater, wir sind die Buben. Wer von uns was Rechtes kann, hat’s von ihm gelernt.") bezieht sich nicht auf Johann Sebastian Bach, sondern auf dessen Sohn Carl Philipp Emanuel.