Das Kreuz ist leer, der Leichnam fort. Die Freunde des Gekreuzigten sind wie vom Erdboden verschwunden. Sie haben kapituliert vor dem Ausgang der Geschichte. Müde sind sie und selber wie tot, so ohne Aussicht auf ein Zeichen der Hoffnung. Karsamstag, der Tag der Leere. Vom Morgengrauen bis tief in die Nacht nur das Nichts.

Dieser mittlere Tag des Triduums, wie die Zeit zwischen der Passion und der Verkündigung der Auferstehung in der christlichen Tradition hieß, ist der vielleicht unbekannteste heilige Tag der westlichen Christenheit. Drei Tage, in denen nicht nur die Heilsgeschichte sich wie in einem Brennglas verdichtet, sondern auch alle Dimensionen der menschlichen Existenz ausgeleuchtet werden.

Vom Karfreitag bleiben immerhin rappelvolle Aufführungen der Bach’schen Passionen und der laute Kampf um den stillen Feiertag. Während die einen zur Todesstunde Jesu schweigen, dröhnt es draußen vor der Kirche aus billigen Verstärkern, weil es Leute gibt, die diese Stille für alle nicht ertragen. Doch gerade in der Bestreitung wird auch die kulturelle Bedeutung des Kreuzes noch einmal offensichtlich.

Viele Menschen mögen sich dem Gott dieser Passion nicht mehr anvertrauen, der sich in diesem Schmerzensmann zeigt. Doch dass im Mittelpunkt dieses Glaubens nicht der Übermensch steht, sondern der Zerbrochene, Entwürdigte, Belächelte, öffnet immer noch einen Raum, der Menschen berührt, und sei es nur diese intime Zone zwischen ästhetischer Erfahrung und religiöser Berührung. Auch das Osterfest ist zumindest mit religiösen Restbeständen vital. Dem schier Unglaublichen, der Auferweckung von den Toten, wird als Feier des Neubeginns mit Brunch und Spaziergang in heiterer Frühlingsluft oder Kurzurlaub im Sonnenschein begegnet. Unbestritten ist Ostern eine wichtiges Ziel des kollektiven Festkalenders, ein Fest, das sich mit säkular-religiösen Erwartungen so leicht ausstaffieren konnte, dass der Bedeutungsverlust des Christentums durch das Gewicht der Dekorartikel ausgeglichen wird.

Ostern sieht jeder. Wer leitkulturelle Zweifel hegt, mag sich zwar die Haare raufen angesichts der Ostereiersucher am Karfreitag, und melancholische Gemüter fragen sich, wo die jährlichen Debatten um den Sinn der christlichen Botschaft geblieben sind. Der spöttelnd-aufklärerische Titel des Spiegels, alle Jahre wieder mit der Überschrift "Das Grab war voll", etwa gehörte zur Osternummer wie die bunten Eier, die im August seltsam intakt im Garten auftauchten.

Der Karsamstag ist dagegen immer schon eine Art Brückentag zwischen Karfreitag und Ostern, immer schon nur ein Übergang von hier nach dort. Dabei würde sein ursprünglicher Sinn einer zaudernden, melancholisch gewordenen Christenheit neue Bedeutsamkeit geben können. Das Kar, der Hinweis auf das Weinen, hängt ja an diesem besonderen Samstag. Es ist der Tag der Leere und der Gottesferne, das schlimmste Zwischen der menschlichen Existenz. In den alten Traditionen der westlichen Christenheit der einzige Tag, an dem keine Messe gefeiert wird. Auch die Kirchen bleiben leer. Kein Blumenschmuck, keine Kerzen auf dem Altar. Im Glaubensbekenntnis bekommt dieser Welttrauertag einen bestimmten Richtungssinn. Und der führt nach unten. "Hinabgestiegen in das Reich des Todes", heißt es fast lakonisch. Zwischen dem "gekreuzigt, gestorben und begraben" und "am dritten Tage auferstanden von den Toten" ist dieser Satz leicht zu verstolpern.

Die Künstler des Abendlands hat dieser Satz fasziniert. Nicht das Kreuz ist das Schlimmste, was dem Sohn Gottes passiert. Das Schlimmste kommt erst noch, am Tag danach. Sie bevölkern ihre Höllengemälde mit schauderhaften Wesen, untoten Zombies und wilden Tieren, die sich in Gewaltexzesse verstricken – und zeigen den Gottessohn in diesem Inferno oft genug ungerührt, als wüsste er schon, dass die Reise ins Herz der Finsternis nicht lang dauern kann. Auch die Kirchenväter haben ihre Fantasie an diesen Ort geschickt. Sie zeichnen die Erfahrung radikaler Gottesverlassenheit und tiefer Einsamkeit. Den Tod eben.

Die Hölle, das ist für sie nicht das Reich einer dämonischen Mafia, in der die Bösen wohnen und ihre Taten bis ins Unendliche wiederholen. Es ist der Ort der tiefsten Entmenschlichung, weil hier das Vergessen wohnt, genauer gesagt: die, die vergessen worden sind. Gott, so beschreibt es ein anonymer Kirchenvater, nimmt sich Zeit, um die aufzusuchen, die von der Welt vergessen worden sind. Die Erfahrung der Leere, das große Nichts, die Abwesenheit Gottes ist an diesem Tag so groß, weil Gott die entfernten Winkel der Welt aufsucht. Dem düstersten Rand der Welt ist Gott an diesem Tag nah.