Karsten Jahnke empfängt in seinem Büro auf St. Pauli, an den Wänden Konzertposter und Fotos mit ihm und Musikern. Sie zeigen nicht Megastars wie AC/DC, Westernhagen oder die Rolling Stones, deren Konzerte er in den vergangenen 60 Jahren veranstaltet hat. Sondern Jazz- und Bluesmusiker, für die er schwärmt: Herman van Veen, Herbie Hancock, "Champion Jack" Dupree.

DIE ZEIT: Herr Jahnke, was war das letzte Konzert, das Sie besucht haben?

Karsten Jahnke:Lady Gaga.

ZEIT: Wo steht man bei Lady Gaga im Alter von 80 Jahren?

Jahnke: Normalerweise unten im Saal, aber diesmal hatte ich in der Barclaycard Arena eine Loge, da kann man noch ein paar Leute einladen. War übrigens eine brillante Show, aber musikalisch hat es mich emotional nicht gepackt. Früher war Lady Gaga eine dufte Frau, heute wirkt alles um sie herum sehr fürs Marketing konstruiert.

ZEIT: Sind Sie nostalgisch?

Jahnke: Besser ist es jedenfalls nicht geworden.

ZEIT: Was war früher alles schöner?

Jahnke: Ich arbeite gern mit einer Band zusammen und will nicht dauernd ans Geld denken müssen. Das war früher eher möglich.

ZEIT: Erzählen Sie uns von Ihren Anfängen.

Jahnke: Ich habe Import-Export-Kaufmann gelernt. Mein alter Kollege Hans-Werner Funke veranstaltete schon seit 1956 "Jazz Band Balls". Jazz war meine Musik, ich wollte das auch machen. Mein erster Jazz Band Ball fand 1959 im Lindenhof statt, einem Dorfgasthof in Sasel. Mein Vater, ein Lehrer mit gesunder Autorität, wollte mir kein Geld leihen. Heute weiß ich, dass das der wertvollste Rat war, den ich kriegen konnte: Wer in unserer Branche mit geliehenem Geld arbeitet, ist ganz schnell weg vom Fenster.

ZEIT: Haben Sie am ersten Abend Gewinn gemacht?

Jahnke: Elf D-Mark. Ich verdiente nach meiner Lehre als kaufmännischer Angestellter 400 D-Mark. Elf Mark waren gutes Geld. Bei meinem ersten Konzert mit Franz Josef Degenhardt habe ich 800 D-Mark verloren, mein zweifaches Monatsgehalt. Da wird man schon etwas nervös.

ZEIT: Sie sagten einst: "Wer diesen Job nur aus dem Spaß am Geldverdienen macht, ist ein Idiot."

Jahnke: Heute geht es leider fast nur noch um Geld. Ich sehe ein, dass jeder Künstler gut verdienen will – soll er auch. Aber die Deals könnten ein bisschen fairer gegenüber dem Veranstalter sein.

ZEIT: Konnte man als Veranstalter früher mehr Geld mit Konzerten verdienen?

Jahnke: Ich würde sagen: risikoloser. In meinen Anfängen, den sechziger Jahren, saßen alle Beteiligten in einem Boot, und der Künstler war unter Umständen auch bereit, an den Kosten zu sparen. Heute muss ich das gesamte Risiko tragen.

ZEIT: War es mal brenzlig für Ihre Firma?

Jahnke: Ja, 1983 war ich de facto pleite. Westernhagen sagte eine Tour einen Tag vor Start ab, sein Saxophonist war ausgestiegen.

ZEIT: Um welche Summe ging es?

Jahnke: Um 650.000 D-Mark.

ZEIT: Puh.

Jahnke: Ich hatte eine Versicherung für jeden Fall, der not under my control war. Es verging jedoch ein Monat, zwei Monate. Die Versicherung wollte es rauszögern, bis ich pleite war, dann hätte sie nicht mehr zahlen müssen. Also habe ich einen teuren Anwalt beauftragt. Erst nach eineinhalb Jahren erhielt ich den Scheck über 650.000 D-Mark.

ZEIT: Wie haben Sie weitergemacht?

Jahnke: Wir hatten noch Grönemeyer und andere erfolgreiche Künstler.

ZEIT: War dieser Ausfall Ihr höchster Verlust?

Jahnke: Es gab noch einen, 2001, mit AC/DC, da haben wir uns verkalkuliert. Wir brauchten 40.000 Fans, hatten aber nur 30.000. Wir machten eine Million Minus, verteilt auf vier Partner waren das für jeden 250.000. Drei Jahre haben wir gebraucht, um das wieder reinzuholen.

ZEIT: Sind Sie trotzdem wohlhabend geworden?

Jahnke: Interessante Frage. Ich habe gelesen, dass man mit 80.000 Euro im Jahr am glücklichsten ist. Was nennen Sie wohlhabend?

ZEIT: Sich ein eigenes Haus in einer guten Lage Hamburgs leisten zu können?

Jahnke: Was das angeht, hatte ich unheimliches Glück. Ich habe in den Siebzigern ein Einfamilienhaus mit Garten in Wellingsbüttel für 125.000 D-Mark gekauft. Darin lebe ich heute noch.