Ich glaube an Gott und bete jeden Abend für meinen Kater, der vor zwei Jahren gestorben ist, und doch gelingt mir kein Tag ohne Sünde, vielleicht möchte ich deshalb schon länger eine Woche in einem Kloster verbringen, Exerzitien machen und herausfinden, wie lebendig mein Glaube ist, ja ob ich überhaupt glaube oder es mir vielleicht nur einrede, weil es mir unter meinen Freunden und Kollegen eine Art Alleinstellungsstatus verleiht, was verwerflich, ja eine Sünde, aber immerhin möglich wäre. Für sie bin ich eine Art Piusbruder, weil ich sonntags um zehn Uhr nicht zum Frühstücken ins Café, sondern zum Beten in die Kirche gehe. Die Wahrheit ist, dass meine Zweifel mindestens so stark sind wie mein Glaube und ich oft Angst habe, dass meine Gebete nur der sentimentale Rest meiner katholischen Erziehung im Bayerischen Wald sind, eher liebevoll aufrechterhaltene Folklore als echte Gespräche mit Gott.

"Geh ins Benediktinerkloster Sainte-Madeleine du Barroux", sagte mein einziger katholischer Freund. "Grandiose Landschaft, asketische, aber makellose Form, großartige Liturgie." Zwei Wochen später klopfe ich an die Pforte, in der Hand eine Reisetasche mit wenig Kleidung und vielen Büchern. Die Abtei, im romanischen Stil aus hellem Kalkstein erbaut, liegt diskret auf einem Berg in der Provence nördlich von Avignon, umgeben von Weinbergen, Zypressen, Olivenbäumen und dem schneebedeckten Gipfel des Mont Ventoux. "Das wird sicher spannend", sagte ein Kollege. "Wird dir guttun, so hibbelig, wie du bist", ein anderer. Ein dritter meinte: "Kloster? Genau richtig." Wo sonst könne man heute noch zur Ruhe kommen? "Ich möchte nicht zur Ruhe kommen", sagte ich, "ich möchte Gott begegnen."

Tag 1

Von Gott keine Spur, und wenn doch, würde ich ihn übersehen, so ungewohnt und irritierend sind meine ersten Stunden: die winzige Mansardenzelle, die lateinischen Stundengebete, die geheimnisvolle Abfolge aus Singen, Murmeln, Stehen, Knien, Sichverbeugen, die Mönche – wie viele mögen es sein? –, wie sie in ihren schwarzen Benediktinerkutten, die Hände unter dem Skapulier verborgen, durch den Kreuzgang huschen, manche gebeugt, fast bucklig, andere in meinem Alter, groß gewachsene Männer mit funkelnden Augen, das Schweigen während der Mahlzeiten im Refektorium, überhaupt die Stille; sie ist das Schlimmste und das Schönste, die am heftigsten empfundene Differenz zu den Tagen davor, die ich in Zürich verbracht habe.

Schlimm, weil man sie erst ziemlich lange aushalten muss, bevor sich ihr Wert und ihre Schönheit erschließen, bevor sie von einem Feind, den es zu bekämpfen gilt, zu einem Freund wird, der uneigennützig und zurückhaltend neben einem durchs Leben geht und eigentlich immer Zeit für einen hat. Schön, weil Nebensächliches zurücktritt und die Sinne schon nach kurzer Zeit schärfer arbeiten; ich höre, schmecke, rieche, schaue intensiver. Ich muss an Tage in den Bergen, Momente unterm Gipfelkreuz denken, auch da schmeckt ein Apfel, ein Stück Bergkäse anders.

Nach der Komplet, es ist gerade mal 20.30 Uhr, liege ich unter einer alten karierten Wolldecke auf meinem Bett und höre zwei Stunden lang zu, wie sich der Sekundenzeiger des Reiseweckers penetrant lärmend um die eigene Achse dreht. Sprechen ist jetzt verboten. Ich fühle mich hilflos und unruhig, aber auch irgendwie geöffnet, aufgesperrt, als befände ich mich auf einer Schwelle zwischen der Welt da draußen und einer anderen, die ich noch nicht kenne.

Kann es zu still zum Einschlafen sein?

Meine Lektüre habe ich bewusst ausgewählt. Eher geistliche als weltliche, eher Papst Benedikt über die Liturgie als Anselm Grün über Zuversicht. Ich bin in einem katholischen Kloster, nicht im Atemübungsseminar der Volkshochschule. Nun schlage ich das erste Buch auf, Kraft der Stille von Robert Kardinal Sarah, die Empfehlung meines katholischen Freundes: "Besser ist schweigen und sein als reden und nicht sein", heißt es im Vorwort. Und weiter: "Die Stille ist schwierig, aber sie befähigt den Menschen, sich von Gott führen zu lassen. Aus der Stille wächst die Stille. (...) Und der Mensch ist immer wieder überrascht von dem Licht, das daraus hervorgeht." Und ging nicht auch Jesus immer wieder auf Berge und in Wüsten, um allein zu sein und mit seinem Vater zu sprechen?

Tag 2

Der Gegenstand der Religion ist nicht das Neue, sondern das Wahre. Wenn das Wahre uralt ist, dann bleibt es immer noch wahr", schreibt Martin Mosebach in Häresie der Formlosigkeit. War ich nach meiner ersten Messe im römischen Ritus noch ziemlich durcheinander, ahne ich nach der zweiten, was er meint, weil ich zum ersten Mal seit Jahren das Gefühl habe, etwas Heiligem beizuwohnen, einer mystischen Kultfeier, die mich übersteigt, überfordert, ja überfordern muss, indem sie mein eigenes kleines Ich mit etwas konfrontiert, das älter, reicher und wahrhaftiger ist als alle spirituellen Angebote, von denen man sonst so belästigt wird. Und obwohl es trauriger wird, je länger ich darüber nachdenke, bleibt es wahr: Die Messe im alten Ritus erinnert mich eher an gelungene Parsifal-Inszenierungen als an den Sonntagsgottesdienst im Münchner Glockenbachviertel.

Was war ich damals stolz, die Hostie anders als die kleinen Buben mit den Händen anfassen zu dürfen. Und jetzt? Fühle ich mich beseelt, als ich auf dem steinernen Boden kniend zum ersten Mal seit 25 Jahren den Mund und nicht meine Hände öffne, um den Leib Christi zu empfangen; als wäre dieser 1.500 Jahre alte Ritus gerade deswegen schön und wahr und heilig, weil er gegen alle Wahrscheinlichkeit nicht totzukriegen ist, sondern da, wo er gefeiert wird, besonders kraftvoll und ernsthaft wirken kann.