Ein Rosshändler, der wegen eines vergleichsweise kleinen Rechtsverstoßes das halbe Land mit Feuer und Schwert heimsucht, um seinem Rechtsempfinden Genüge zu tun? Man hätte – und Kleist möge es vergeben – eigentlich darauf kommen können, dass dies der Stoff ist, aus denen die feuchten Träume des belesenen Wutbürgers unserer Tage gemacht sind. So war es nur eine Frage der Zeit, bis sich die kulturkämpferische Rechte im Zuge ihrer neuen Diskursoffensiven auch den weltliterarischen Kanon zur Brust nehmen würde, wie es der emeritierte Germanist Günter Scholdt in seinem bei Antaios erschienenen Buch mit dem Titel Literarische Musterung. Warum wir Kohlhaas, Don Quijote und andere Klassiker neu lesen müssen getan hat. Das erklärte Ziel dieser Relektüre von mehr als dreißig Autoren der Weltliteratur von Äsop bis Zuckmayer folgt dabei der im Titel angezeigten Logik des Militärischen: der Akt des Lesens als Überprüfung des Kanons auf Tauglichkeit für das eigene Weltbild.

Dabei geht es Scholdt nicht um ein neuerliches Abschreiten der konservativen literarischen Ehrenformationen vom Nibelungenlied bis zu Ernst Jünger, sondern um den Sturmangriff auf die Interpretationsbastionen der vermeintlich linken Literaturkritik. Wo Texte wie Ionescos Nashörner oder Frischs Biedermann und die Brandstifter traditionell als Parabeln historischer Totalitarismus-Erfahrungen gelesen wurden, ist die Lektürerichtung in Zeiten des "Meinungsterrorismus gegen Andersdenkende" umzudrehen. So verwandeln sich Don Quijote oder Alfred Ill in Erbauungsfiguren der rechten Nonkonformisten, während Diederich Heßling als Prototyp des zeitgenössischen Gutmenschen interpretiert wird. Diese Lektüren schrammen das Paranoide: Von einer im besten Sinne konservativen Kritik am Modernismus-Wahn, wie sie an Des Kaisers neue Kleider entwickelt wird, ist es bei Scholdt nur ein Zeilensprung zur vollumfänglichen Verteufelung der Gegenwartskunst, deren Wertschätzung hierzulande in einem kunsthistorischen "Schuldkult" der Deutschen begründet liege, da man nie wieder so barbarisch sein wolle wie die Nazis in ihrer Bannung "Entarteter Kunst".

Anhand solcher Hypothesen liefert das Buch nicht zuletzt Anschauungsmaterial für die Diskussion, wo die Trennlinien zwischen berechtigtem konservativem Unwohlsein an der Gegenwart (angesichts von literarischen safe spaces) und rechtsradikaler Verblendung verlaufen: Wo Antigone als literarisches Vorbild für eine Kritik an der Einebnung des Grabes von Rudolf Heß herhalten muss, erstirbt die Möglichkeit ernsthafter Auseinandersetzung. Ansonsten lassen sich bei Scholdt die bekannten Topoi rechter Untergangsrhetorik von Bevölkerungsaustausch bis Genderwahn finden, garniert mit ein wenig konservativem Affektleiden an der entfremdeten Existenz im technifizierten Sozialstaat. Seine bizarrsten Momente hat das Buch immer dann, wenn Scholdt in einem Anfall von Weltläufigkeit besonders weit auszugreifen versucht – der Protagonist von Gabriel García Márquez’ früher Erzählung Der Oberst hat niemand, der ihm schreibt wird dann etwa als ein Beispiel für einen widerständigen Geist angeführt: Ein abgehalfterter Bürgerkriegsveteran, der sich beim Warten auf seine nie eintreffende Pension standhaft weigert, seinen Kampfhahn zu veräußern, wird zur Trostfigur einer Weltliteratur für Wutbürger.

Hinweis: In der gedruckten Ausgabe der ZEIT erschien diese Rezension mit einem falschen Autorennamen. Wir bedauernd das Versehen. Die Redaktion

Günter Scholdt: Literarische Musterung. Warum wir Kohlhaas, Don Quijote und andere Klassiker neu lesen müssen
Antaios Verlag, Steigra 2018; 368 S., 22,– €