Fragte man im Verlauf der Koalitionsverhandlungen SPD-Politiker, ob sie nicht Angst davor hätten, dass am Ende keine Ministerin, kein Minister aus dem Osten herausspringen werde, erhielt man im Grunde immer dieselbe Antwort, nämlich: "Nö, wir haben doch Manuela Schwesig!" Die, das sollte dieser Satz bedeuten, werde sich schon kümmern, dass es anders komme.

Und das stellte sich als wahr heraus.

Die neue, ostdeutsche Familienministerin Franziska Giffey aus Frankfurt (Oder) gilt als die irgendwie interessanteste SPD-Personalie in der Bundesregierung. Aber fast noch interessanter ist die Personalie dahinter. Denn wichtig ist, zu wissen, wem und welchem Umstand Franziska Giffey ihren Aufstieg zu verdanken hat: nämlich erstens Manuela Schwesig, Ministerpräsidentin Mecklenburg-Vorpommerns – und zweitens der neuen Macht, die diese Manuela Schwesig innehat. Sie ist so etwas wie eine informelle SPD-Ministerpräsidentin des ganzen Ostens, ohne dass man das von außen wahrnehmen würde.

Man kann ja zuerst Manuela Schwesig selbst danach fragen, jetzt am vergangenen Mittwoch, im Ministerpräsidentinnenbüro in der Schweriner Staatskanzlei. Wie hat sie das eingefädelt mit Giffey? Schwesig sitzt sehr entspannt da, in einem geblümten Oberteil, sie schenkt Kaffee aus. Und man merkt gar nicht, dass sie auf die Frage überhaupt nicht antwortet. Stattdessen erzählt sie, wie gut sie Giffey findet. "Franziska Giffey und ich kennen und schätzen uns", sagt Manuela Schwesig. Und: "Ich halte viel von ihr. Sie gehört zur dritten Generation Ost: Sie ist pragmatisch, fackelt nicht lange, geht voran."

Diese Zuschreibungen, das ist das Interessante an ihnen, passen auch auf sie, Schwesig, selbst. Pragmatisch, nicht lange fackelnd, vorangehend will sie ja auch sein. Und dritte Generation Ost ist sie ebenfalls – also der Generation derjenigen zugehörig, die zur Wendezeit noch jugendlich waren, die in den neunziger Jahren durchstarteten. Schwesig ist 43, Giffey 39. Auch Schwesig stammt aus Frankfurt (Oder).

Wer sich im Hintergrund umhört, unter SPD-Leuten, die es wissen müssen, der erfährt nicht nur, dass Giffey vielleicht nicht Bundesfamilienministerin geworden wäre, wenn es Manuela Schwesig nicht gäbe. Sondern auch, dass der Osten von der neuen, zentralen Rolle profitiert, die Schwesig in ihrer Partei innehat. Politiker wie Sachsens SPD-Chef Martin Dulig sagen offen, dass Schwesig inzwischen zentrale Ansprechpartnerin für Ost-Interessen in Berlin sei. Obwohl sie gar nicht mehr in Berlin sitzt, sondern in Schwerin. Schwesig ist, und das muss man erst einmal schaffen, in Berlin mächtiger geworden, indem sie die Stadt verlassen hat. Gerade weil es ihr inzwischen gelingt, ihre Ostherkunft als Werkzeug einzusetzen. Für sich – und für andere. Wie macht sie das?

Bis Mitte 2017 war Manuela Schwesig selbst Bundesfamilienministerin. Also bis Erwin Sellering, Mecklenburg-Vorpommerns Regierungschef und ihr wichtigster politischer Förderer, krank wurde. Und bei Schwesig anrief: Kannst du mir nachfolgen?

Sie sagte Ja, und das war mutig. Man konnte damals nicht wissen, ob ein Wechsel aus einem Bundesministerium in eine Staatskanzlei, die ganz neue Herausforderungen bedeutet, zum richtigen Zeitpunkt kommt. Es war, wie gesagt, Mitte 2017: Der Bundestagswahlkampf lief, Schwesig sollte als Frontfrau des Ostens auftreten. Als stellvertretende Bundesvorsitzende der Partei. Als erfolgreiche, in jedem Fall öffentlich sichtbare Bundesministerin. Und als Bundestags-Spitzenkandidatin der SPD in Mecklenburg-Vorpommern. Der Schulz-Hype war schon vorbei, die Lage der SPD in den Umfragen nicht gut. Auf Leute wie Schwesig sollte es ankommen.

Andererseits hatte sie gar keine Wahl. "Ins Amt gekommen bin ich unter schwierigen, wegen Erwin Sellerings Erkrankung ja auch tragischen Umständen", sagt sie heute, im Ministerpräsidentinnenbüro. Da sei keine große Überlegerei möglich gewesen. "Nun habe ich das Gefühl: Ich bin angekommen."

Das liegt auch daran, wie sie ihre Lage stabilisiert hat, während die SPD immer instabiler wurde. Eigentlich niemand in dieser Partei ist ohne Beschädigungen aus dem Desaster der Bundestagswahl hervorgegangen: Martin Schulz, den Parteichef, fegte es aus dem Amt. Sigmar Gabriel, den Außenminister, ebenso. Andrea Nahles schaffte zwar den Aufstieg zur Fraktions- und designierten Parteichefin, sie trug aber auch Schrammen aus den Machtkämpfen davon.