Philipp Amthor aus Mecklenburg-Vorpommern ist der zweitjüngste Bundestagsabgeordnete und gilt als Geheimwaffe der CDU im Kampf gegen die AfD. Er tritt auf, als sitze er schon seit Jahren im Parlament. Wie gut ist er?

An einem Abend im Februar hält Philipp Amthor die Bundeskanzlerin an. Einfach so, damit jeder sieht, dass er es kann. Demmin, eine Festveranstaltung der CDU, Angela Merkel ist zu Gast, sie dreht ihre Begrüßungsrunde, jeder darf ihr kurz die Hand reichen, auch Philipp Amthor. Doch er gibt sich mit einem Handshake nicht zufrieden. Er fängt ungefragt an, ihr eine Geschichte zu erzählen, er redet auf sie ein. Die Szene dauert keine 30 Sekunden. Aber die reichen, um ihn abzuheben von allen CDU-Leuten um ihn herum. Amthor will später nicht verraten, was er ihr gesagt hat. Doch man habe ja gesehen: "Angela Merkel und ich verstehen uns."

Philipp Amthor aus Ueckermünde in Mecklenburg-Vorpommern ist ein Phänomen in seiner Partei. Dieser Politiker ist 25 Jahre alt, er sitzt erst seit wenigen Monaten im Bundestag, aber viele in Berlin reden gerade über ihn. Und in den Medien gilt er als eine Art Geheimwaffe der CDU im Kampf gegen die AfD: Seit seinen ersten Reden wird er gefeiert für seinen gediegenen Konservativismus. Und für seine interessante Chuzpe.

Amthor ist der zweitjüngste Parlamentarier, aber er wirkt wie einer der ältesten. Sieht man ihn, denkt man zuerst, da sei jemand aus einem Klassenzimmer in den Bundestag gestolpert. Aber dort überrascht er nun alle – vielleicht gerade deswegen. Die, die ihn schon länger beobachten, sagen: Er gehöre zu den großen politischen Talenten. Ist das so?

Ein Besuch bei ihm, im Berliner Paul-Löbe-Haus, in dem viele Abgeordnetenbüros untergebracht sind. Amthor sitzt auf einer schwarzen Ledercouch, die jetzt seine ist, und sieht ganz so aus, als fühle er sich zu Hause. Er trägt einen akkuraten Seitenscheitel, eine kleine Deutschlandflagge am Anzugskragen und auf der Nase eine Hornbrille. "Die Kleidung muss auch der Würde des Amts entsprechen", sagt er. "Kevin Kühnert trägt selbst bei seriösen Veranstaltungen immer Turnschuhe und Kapuzenpullover und beschwert sich dann, dass er nicht ernst genommen wird." Das sind typische Amthor-Sätze. Durch diese Sätze, durch sein Aussehen, sein ganzes Auftreten wirkt Amthor, als hätte sich jemand einen Konservativen ausgedacht. Genau das macht ihn aber auch so interessant: Die Medien stellen Amthor als den jungen konservativen Elitekader der CDU vor. Und er wehrt sich nicht. "Konservativ sein, das heißt für mich, eine wertegebundene Politik zu vertreten", sagt Amthor. "Dazu gehören der starke Staat, Verfassungstreue, Nationalstolz, Einstehen für sein Land." So überrascht es wenig, dass er zu einem seiner großen Themen die innere Sicherheit erkor, konkret die Begrenzung der Migration.

Manchmal ist Amthor so typisch konservativ, dass er fast wie sein eigenes Klischee wirkt. Er weiß das selbst. Seine Lieblingsmusik: Richard Wagner. Lieblingsserie: House of Cards. Seine Lieblingsbücher: Effi Briest und Faust. Aber, "keine Sorge", er lese nicht nur klassische Literatur, sondern zum Beispiel auch Robin Alexanders Die Getriebenen, sozusagen das Standardwerk über die Flüchtlingskrise. "Wissen Sie", sagt Amthor plötzlich, "dass man so klischeehafte Antworten geben muss, ist doch immer tragisch." Er lacht, als er das sagt. Solche Momente sind die, in denen er am sympathischsten wirkt. Und fast wie ein 25-Jähriger. Denn das sind die Momente, in denen er die Perfektion, ganz kurz, aufgibt. Die Perfektion, die ihn so früh so weit gebracht hat.

Sein Lebenslauf: Schülersprecher, Landesschülersprecher, Jurastudium in Greifswald, Examen mit Prädikat. Daneben, seit acht Jahren, immer Politik. Mit 16 trat er in die CDU ein, mit 18 in den Landesvorstand der Jungen Union, mit 20 wurde er Kreisvorsitzender der Jungen Union in Vorpommern-Greifswald, mit Anfang 24 war er einer der Mitgründer des parteiinternen "Konservativen Kreises". Den Einzug in den Bundestag schaffte er per Direktmandat. Neben dem neuen Job als Abgeordneter promoviert er und arbeitet für eine Wirtschaftskanzlei. Philipp Amthors Leben scheint ein einziges Weiter zu sein, ohne Brüche, Pausen, Scheitern. "Klar gehört Scheitern zum Leben", sagt Amthor, "aber ich werde es ja nicht absichtlich herbeiführen." Menschen, die Amthor kennen, trauen ihm vom Bundeskanzler bis zum Verfassungsrichter alles zu. Fragt man Amthor, was ihm lieber wäre, lacht er, sagt: "Das sind Karrieren, von denen es dumm wäre, sie zu planen. Ich arbeite für den Inhalt, nicht eine Position, und weiß: Politik ist nur ein Amt auf Zeit." Es ist eine der Eigenschaften von Philipp Amthor, nicht darauf zu antworten, was man fragt. Damit das niemand falsch versteht: Er beantwortet alle Fragen, die man ihm stellt. Und trotzdem hat man das Gefühl, dass er sich nie ganz öffnet. Man fragt ihn nach Glück, Gerechtigkeit und danach, wann er zum ersten Mal etwas als wirklich ungerecht empfunden hat. Amthor antwortet Dinge wie: "Da könnte ich jetzt eine Rechtsphilosophie-Vorlesung halten." Oder: "Das ist eine Kategorie jenseits des Politischen." Es wirkt, als hätte er sich eine Schale zugelegt, hinter der er seine Jugend versteckt. Die Schale "des Politikers".

Aber dann gibt es die Momente, in denen er zeigt, dass zu Recht große Hoffnungen auf ihm liegen könnten. Seine herausragenden Momente. Wie der Ende Februar, im Bundestag, bei seiner zweiten Rede im Parlament.

Die AfD hat an diesem Tag den Antrag eingebracht, in Deutschland ein Burka-Verbot einzuführen. Philipp Amthor darf die Gegenrede halten. Er stellt sich also ans Pult und doziert vor der AfD wie ein alter Juraprofessor. "Hören Sie mir mal zu, dann können Sie nämlich noch was lernen über die Verfassung", sagte er. Dann erklärt er: Gegen die Vollverschleierung sei er auch. Burka und Nikab entsprächen nicht seiner Vorstellung "von einem Rechtsstaat und einer deutschen Wertekultur".

Aber bevor die AfD sich zu früh freue, sei ihr gesagt: Ihr Antrag strotze vor Fehlern.

"Ein Viertel Ihrer Fraktion sind Juristen, diese Expertise findet sich in dem Antrag in keiner Weise wieder!", sagt Amthor. Und: "Mit Ihrem Vorschlag operieren Sie im grundgesetzlich sensiblen Bereich der Religionsfreiheit. Und wenn Sie da operieren, sollten Sie Ihr OP-Besteck kennen." Der AfD-Antrag sei nicht verfassungskonform.

Die meisten Politiker kugeln sich vor Begeisterung, selbst Linke applaudieren. Und die AfD-Leute, sonst um keinen Zwischenruf verlegen, sehen aus, als habe ihnen jemand Salz in den Kaffee geschüttet. Wie sollen sie gegen Amthor argumentieren: In der Sache gibt er ihnen ja recht. Klarer kann man sich gegen die Burka nicht positionieren. Klarer kann man aber auch nicht sagen: Sorry, die Religionsfreiheit steht trotzdem über allem. Das Grundgesetz zählt.