Ist das vielleicht die neue, die besonders wirkungsvolle Strategie für den Umgang mit der AfD? Klarer Konservativismus. Und klare Abgrenzung zur AfD. Amthors Rede wird hunderttausendfach im Netz geschaut und gefeiert. Bild schreibt: "'Merkels Bubi' gibt AfD Saures". Jan Böhmermann, der sich Wochen zuvor noch über Amthors Aussehen lustig gemacht hatte, fasst es auf Facebook so zusammen: "Philipp 'Jep, genau der' Amthor, 25, CDU, on fire und zerfickt das christliche Abendland der AfD". Hatte er, Amthor, eigentlich jemals Angst – vor so einer Rede? Vor der Arbeit als Bundestagsabgeordneter? Vor dem Auftritt in diesem Parlament? Das fragt man ihn, eine Weile nach seinem großen Auftritt. "Als Politiker sollte man keine Angst haben", sagt er da, wieder ganz Profi. "Demut ist das richtige Wort." Überhaupt: "Das Rampenlicht zu scheuen wäre nicht gut als Politiker." Nicht mal für einen jungen? "Als Politiker sollte man sich nicht aus der Ruhe bringen lassen."

Begleitet man Amthor länger, stellt sich irgendwann ein interessanter Effekt ein. Für eine Weile wirken seine Antworten irgendwie aufgesetzt. Auch weil man denkt: So kann einer mit 25 Jahren einfach nicht sein. Aber nach Tagen, Wochen, vielen Begegnungen dominiert ein anderes Gefühl: Nun – vielleicht ist er einfach tatsächlich so. Vielleicht ist er einfach durch und durch ein Politiker. Der jetzt, hier in Berlin, endlich sein kann, wie er will.

Fragt man Weggefährten aus seiner Partei, hört man jedenfalls, dass er überall sehr ernst genommen wird. Seine Sicherheit im Umgang mit der AfD habe er auch daher, dass er, schon wegen seiner Herkunft, viel mehr Erfahrung mit dieser Partei habe als die meisten, wesentlich älteren Bundestagsabgeordneten. Der Mitbegründer des Konservativen Kreises in der CDU, Sascha Ott, ebenfalls aus Mecklenburg-Vorpommern, nennt Amthor "einen der klügsten Köpfe Deutschlands". Vincent Kokert, Mecklenburg-Vorpommerns CDU-Chef, sagt: "Er muss auch noch liefern, aber ihm stehen alle Türen offen." Und Jens Spahn lobt: "Wenn er sich treu bleibt, neugierig bleibt und fleißig ist, kann er hier viel bewegen." Das muss ja auch unangenehm für Jens Spahn sein: Da ist man die konservative Nachwuchshoffnung der CDU, aber der eigene Nachfolger steht schon bereit.

Zumal Amthor sich in einer wesentlichen Sache von Spahn unterscheidet: Er baut sich als junger Konservativer auf – aber gleichzeitig auch als Getreuer Angela Merkels.

Amthor und Merkel kennen einander schon eine ganze Weile. Der Wahlkreis der Kanzlerin liegt direkt neben seinem. Mit 16 durfte Amthor Merkel auf Wahlkampftour begleiten, weil er ein besonders engagierter Wahlhelfer war. Als er ihr sagte, dass er zum Studium nach Hamburg wolle, soll Merkel ihm gesagt haben: "Politik macht man am besten zu Hause." Man nimmt Amthor seinen Respekt für die Kanzlerin ab. Sie belohnt das. Als es vor der Bundestagswahl danach aussah, als könnte Amthors Wahlkreis an die AfD fallen, kam Merkel persönlich zweimal vorbei. Und organisierte Amthor angeblich sogar einen Besuch Horst Seehofers, der dann in Neubrandenburg, in Amthors Wahlkreis, tatsächlich den einzigen Wahlkampftermin außerhalb Bayerns absolvierte. Vielleicht ist er für Angela Merkel der perfekte Konservative: Er hat das Potenzial, Wähler zurückzuholen, denen die CDU zu links wurde. Aber er stellt die Autorität der Kanzlerin nicht infrage.

Zumindest tut er das jetzt noch nicht.

Denn dass Amthor auch schon ein kühler Taktiker der Macht sein kann, hat ein Mann namens Matthias Lietz erlebt. Lietz, 65, saß acht Jahre lang für Amthors heutigen Wahlkreis im Bundestag, Amthor war einst sein Mitarbeiter. Lietz hatte eigentlich vor, auch ein drittes Mal ins Parlament zu ziehen. Aber dann wollte Amthor das plötzlich selbst. Und hatte, für Lietz wohl überraschend, namhafte CDU-Politiker auf seiner Seite. Matthias Lietz zog seine Kandidatur offiziell zugunsten Amthors zurück. Doch er war wohl gekränkt. Einige sagen: Amthor habe Lietz’ Ende vorbereitet, ohne dass der etwas davon ahnte. Habe sich eine Mehrheit organisiert, ohne dem davon zu erzählen. Und ihn dann vor vollendete Tatsachen gestellt. Andere sagen: Das war halt Politik. Philipp Amthor sagt heute: "Das war eine ganz normale Dynamik. Natürlich werden im Voraus Dinge besprochen, aber Matthias Lietz hätte auch noch einmal antreten können." Dass jemand nicht wartet, bis er an der Reihe ist – sondern zugreift, wenn er will –, kennt man aus Angela Merkels CDU eigentlich nicht.

Anfang Februar, Berlin, eine politische Fachzeitschrift richtet einen Empfang für Bundestagsabgeordnete aus. Philipp Amthor steht an der Seite und wartet auf seinen Auftritt. Seine Fingerspitzen tippeln auf der anderen Hand, an der Krawatte, der Uhr. Es wirkt nicht wie Nervosität, sondern Ungeduld. Amthor ist eingeladen, neben Roman Müller-Böhm zu sprechen. Müller-Böhm ist über die Landesliste der FDP in Nordrhein-Westfalen in den Bundestag gezogen und einen Monat jünger als Philipp Amthor. Dann der Auftritt: Beide stehen vorn, der Moderator weist direkt auf den Altersunterschied hin. Amthor antwortet: "Ich tröste mich über das Etwas-älter-Sein mit meinem Direktmandat hinweg." 1 : 0. Dann sagt Amthor, an Müller-Böhm gerichtet, dass ein FDP-Kollege aus dem Bundestag ihn neulich als den jüngsten Abgeordneten angesprochen habe. "Als ich ihm sagte, dass es in seiner eigenen Partei noch einen jüngeren gibt, meinte er: ›Oh, den muss ich noch kennenlernen.‹" 2 : 0. Amthor lässt keine Chance aus, dem Kollegen, am liebsten jedem politischen Gegner, einen mitzugeben. Nicht auf dieser Bühne, aber auch auf keiner anderen. Egal ob es gerade sein müsste oder nicht. Das geht bis an die Grenze des Angenehmen. Macht man sich auf diese Weise dauerhaft Freunde? Das ist die Frage. Die Ellbogen, den Ehrgeiz, das Talent für den politischen Betrieb hat Amthor aber in jedem Fall. Jegliche Unsicherheit scheint ihm abzugehen.

Nur manchmal fragt man sich, wohin das führen soll. Ist das ein bisschen zu viel? Oder ist das einfach das politische Spiel?

Philipp Amthor würde vermutlich jederzeit für Zweiteres plädieren.