Im Konferenzsaal des ZEIT-Hauptstadtbüros hoch über Berlin schauen zwei Männer gebannt auf einen Laptop: Jörg-Andreas Krüger von der Umweltorganisation WWF und Helmut Schramm vom Konzern Bayer CropScience Deutschland. Auf dem Bildschirm verfolgen sie eine Live-Übertragung aus Brüssel. Als die EU-Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager ihre Botschaft verkündet, wirkt Helmut Schramm gelöst: Bayer darf nach monatelangem Ringen den Saatgutkonzern Monsanto für umgerechnet 51 Milliarden Euro unter Auflagen übernehmen. Krüger hingegen ist enttäuscht. Der WWF und andere Umweltorganisationen hatten über Monate auf die Gefahren dieser Übernahme hingewiesen – und auf die Risiken von Glyphosat, dem wichtigsten Produkt von Monsanto, das nun bald Bayer gehören wird. Erst kürzlich lieferten sich Bayer und der WWF eine regelrechte PR-Schlacht im Internet. Nun setzen Krüger und Schramm den Schlagabtausch erstmals im direkten Gespräch fort.

DIE ZEIT: Herr Krüger, Herr Schramm: Jetzt ist Bayer einen guten Schritt weiter mit der Übernahme von Monsanto. Eine gute Nachricht?

Jörg-Andreas Krüger: Nein. Monsanto steht für Skandale, pflegt einen sehr robusten Umgang mit Kleinbauern, diskreditiert Wissenschaftler und setzt Politiker unter Druck. Das passt doch überhaupt nicht zu den Ansprüchen an Offenheit und Fairness, die Bayer immer predigt.

Helmut Schramm: Es stimmt, Monsanto hat in einigen Ländern ein schlechtes Image. Man kann auch diskutieren, ob das Unternehmen immer glücklich agiert hat. Bayer dagegen hat einen exzellenten Ruf, und wir werden das gemeinsame Unternehmen nach unseren Werten führen. Wir kaufen ja Monsanto und nicht umgekehrt.

ZEIT: Monsanto hat nicht nur ein katastrophales Image, sondern ist auch in Sachen Firmenkultur ein tough cookie, wie man in den USA sagen würde. An diesem Keks könnte sich Bayer leicht verschlucken.

Schramm: Das sehe ich nicht so. Wir haben schon öfter Firmen übernommen, und wir wissen, wie man unterschiedliche Kulturen zusammenführt.

ZEIT: Monsanto wird gerade sogar in seinem Heimatmarkt von Menschen verklagt, die seinen Unkrautvernichter Glyphosat für Krebserkrankungen verantwortlich machen. Sollten die recht bekommen, würde von nun an nicht nur das Image von Bayer leiden, es könnte für Ihren Konzern auch sehr teuer werden.

Schramm: Wir beobachten die Verhandlungen natürlich. Alle relevanten nationalen Zulassungsbehörden der Welt haben Glyphosat bei sachgerechter Anwendung als nicht krebserregend eingestuft.

ZEIT: Bayer und der WWF haben sich eine regelrechte Schlacht mit Videos geliefert: Auf einen Spot des WWF, in dem eine Melanie und eine Anne vor Gefahren für Trinkwasser und Regenwürmer durch Glyphosat warnen, antworten Leah und Sophie von Bayer mit einer Parodie: "Fakten statt Vorurteile".

Krüger: Damit wollten wir eine breite Debatte anstoßen, über den engen Kreis der Experten hinaus.

Schramm: Ich fand super, dass wir die befremdlichen Warnungen des WWF mit unserer Parodie mal ein bisschen sportlich gekontert haben.

ZEIT: Herr Schramm, Sie haben den WWF-Beitrag in einen Kontext mit postfaktischen Debatten gestellt, bei denen sich "extreme Meinungen in den Echokammern Gleichgesinnter" aufschaukeln. Geht es nicht eine Nummer kleiner?

Schramm: Das war ernst gemeint. In unserer neuen Welt der Social Media sehe ich die Gefahr, dass bestimmte Personengruppen einander nur noch ihre eigenen Meinungen spiegeln. Da wird gar nicht mehr nach der Wertigkeit einer Aussage entschieden. Wenn sich etwa der Präsident einer Bundesbehörde über Krebsrisiken von Glyphosat äußert...

ZEIT: ...Sie meinen das Bundesinstitut für Risikobewertung, das Glyphosat für ungefährlich erklärt...

Schramm: ...dann zählt in der Debatte die Aussage dieses Experten genauso viel wie die Meinung eines Laien. So kommt man doch nicht weiter! Wenn Sie mit Ihrem Auto über eine Brücke fahren, messen Sie doch auch nicht aus Misstrauen gegenüber dem Ingenieur mit Ihrem Geodreieck vorher die Statik nach! Ich beobachte einen enormen Vertrauensverlust gegenüber unseren Institutionen. Das gefährdet die Demokratie.

Krüger: Vertrauen muss aber erst wiedergewonnen werden, Herr Schramm. Die Leute merken doch, wie die Landwirtschaft die Landschaft verändert hat. Sie erleben zum Beispiel, dass kaum mehr Insekten und Schmetterlinge zu finden sind. Um in Ihrem Bild zu bleiben: Der Glaube an die Tragfähigkeit der Brücke ist erschüttert, weil die Menschen die Risse darin erkennen.

Schramm: Gut, ich sage ganz offen: Wir haben in der Vergangenheit zu wenig erklärt, was wir tun. Immerhin hat unser Videostreit ja bewirkt, dass wir jetzt mit Ihnen als unseren Kritikern reden.

Krüger: Wir sind immer offen für Debatten, um zu akzeptierten Lösungen zu kommen.

ZEIT: Wie harmonisch! Also hat Ihr WWF mit seinen Warnungen vor Glyphosat übertrieben, Herr Krüger?

Krüger: Nein. Wir haben aufgezeigt: Die Wissenschaftler streiten über die Frage, wie gefährlich Glyphosat ist. Es gibt unterschiedliche Studien, auch kritische wie die des Krebsforschungsinstituts IARC, das zur Weltgesundheitsorganisation WHO gehört.