Wie verlogen das Ganze ist, zeigt sich an einem Wort: Aber. Man kennt es aus einer anderen Diskussion, jener über die Ausländer. "Ich habe nichts gegen Ausländer. Aber ..." Sprechen die Schweiz und ihre Politiker über die 273.000 Menschen im Land, die Sozialhilfe beziehen, dann heißt es: "Ich habe ja nichts dagegen, wenn jene Hilfe bekommen, die es wirklich nötig haben. Aber ..." Darauf folgen Diskussionen über "Fehlanreize", "Missbrauch" und die "Luft nach oben", die das System habe, und dass dringend etwas getan werden müsse.

Allein, die Diskussionen sind unnötig. Die Dinge längst geregelt. So können Sozialhilfebezüger bereits heute zu Gegenleistungen verpflichtet werden, sie müssen Arbeitseinsätze leisten, an Beschäftigungsprogrammen teilnehmen. Sie müssen bereits heute jede zumutbare Arbeit annehmen, die sie finden können. Und vor allem dürfen die Gemeinden jenen Sozialhilfebezügern, die sich der staatlich verordneten Pflichten verweigern, bereits heute die Beiträge kürzen. Bis ihnen nur noch die Nothilfe bleibt.

Trotzdem profilieren sich in diesen Wochen Politiker von links bis rechts, von Raphael Golta in der Stadt Zürich, bis Pierre Alain Schnegg im Kanton Bern auf Kosten der Ärmsten.

Sie treten nach unten.

Gegen Asylbewerber lässt sich gerade nur schwer Stimmung machen, es sind schlicht zu wenig gekommen seit dem letzten Sommer.

Also stürzt man sich auf die Sozialhilfebezüger. Auch sie haben keine starke Lobby, auch sie melden sich politisch kaum zu Wort. Wer will sich schon als "Sozialschmarotzer" outen? Und auch sie ziehen den Neid der vom Schicksal Begünstigten auf sich: Was beim Flüchtling aus Eritrea das Mobiltelefon ist, sind beim ausgesteuerten Nachbarn die Zigaretten, die ihm das Sozialamt bezahlt.

Anders als in Deutschland kennt in der Schweiz die Empörungsbereitschaft kaum Grenzen, wenn jemand vom Staat etwas bezieht, was ihm nicht zusteht. Wohingegen es zu einer geselligen Tischrunde gehört, Steuertricks auszutauschen, mit denen man demselben Staat sein Geld vorenthält. In der Schweiz ist die hinterzogene Million das Kavaliersdelikt, und der mit Sozialhilfegeldern erschlichene BMW der Skandal, der bekämpft werden muss. Mit allen Mitteln.

So setzen auch links-grün regierte Städte private Detektive auf ihre Sozialhilfebezüger an, und die Kantone überbieten sich beim Sozialhilfe-Abbau. Am Mittwoch entscheidet zum Beispiel der Kanton Bern darüber, ob er die Sozialhilfe pauschal um acht Prozent senkt. Im Kanton Aargau soll bald nicht mehr bestraft werden, wer sich nicht an die Regeln hält. Das Parlament schlägt stattdessen vor, jene Sozialhilfebezüger zu belohnen, die sich "integrationswillig, motiviert und engagiert" zeigen. Fix ausbezahlt werden soll nur noch das Existenzminimum, also 30 Prozent weniger als bisher. Wer sich gut hält, immer schön brav ist, kann sich bis zum bisherigen sogenannten Grundbedarf hochdienen. Das heißt: Eine Person, die allein lebt, erhält vom Staat eine Wohnung, eine medizinische Grundversorgung plus 986 Franken.

In den Kantonen Solothurn und Basel-Landschaft sind ebenfalls Vorstöße hängig, mit denen die Sozialhilfe-Ausgaben gesenkt werden sollen.

Dass die Sozialhilfe einem ständigen Rechtfertigungsdruck unterworfen ist, ist nicht neu. Und auch nicht falsch. In den vergangenen Jahren konnten individuelle Missbräuche aufgedeckt und Systemmängel aufgedeckt werden, die Sozialhilfe hat dadurch an Glaubwürdigkeit gewonnen.

Woher kommt diese Missgunst?

Neu ist allerdings, dass die Politiker nicht mehr darüber streiten, ob und an welche Integrationsleistungen die Sozialhilfe geknüpft werden soll. Es geht ums Ganze. Um die Frage etwa, ob jeder Mensch, auch ein Störenfried, zugute hat, was ihm die Bundesverfassung verspricht: "Wer in Not gerät und nicht in der Lage ist, für sich zu sorgen, hat Anspruch auf Hilfe und Betreuung und auf die Mittel, die für ein menschenwürdiges Dasein unerlässlich sind."

Nach unten treten wird zum politischen Prinzip.

Warum funktioniert das in einem der reichsten Länder der Welt, wo die Milliardärsdichte so hoch ist wie sonst kaum irgendwo?

Am Geld liegt es nicht.

Nicht nur dem Bund, auch vielen Kantonen geht es gut, sie haben in den vergangenen Jahren schwarze Zahlen geschrieben. Auch die Gemeinden dürften gemäß den Berechnungen der Eidgenössischen Finanzverwaltung zumindest ausgeglichene Rechnungsbücher vorweisen können.

Kommt hinzu, dass die Ausgaben für die sozial Schwächsten in keinem Verhältnis stehen zur Heftigkeit der Debatte, die um sie entfacht ist. Jährlich 2,7 Milliarden Franken, das ist weniger als ein halbes Prozent des Bruttoinlandsproduktes, kostet die Sozialhilfe den Staat. Zum Vergleich: Das Gesundheitswesen verschlingt 77,8 Milliarden Franken. Pro Jahr.

Die Sozialhilfe-Abbauer entgegnen, dass die Ausgaben für Sozialhilfe im Jahr 2016 von 3,2 auf 3,3 Prozent angestiegen seien. Das liegt unter anderem daran, dass mehr Einzelpersonen in die Sozialhilfe rutschten und dass die Mietkosten in der Schweiz gestiegen sind. Die wachsenden Kosten sind ein Wohlstandsphänomen.

Also, woher diese Missgunst auf die staatlich unterstützten Armen, diese Lust am Tritt nach unten? Selbst wenn es nur in der Hälfte der Fälle einen Fremden, einen Ausländer trifft. 50 Prozent der Sozialhilfeempfänger sind Einheimische.

Das ist auch eine Kulturfrage. Nach wie vor gilt in der Schweiz: Jeder ist seines Glückes Schmied. Unverschuldet arbeitslos, ausgesteuert, sozialfällig. Das kann nicht sein, darf nicht sein, ist nicht vorgesehen in einem Land, in dem es für die Nachkriegsgenerationen materiell stets aufwärts ging. Armengenössige haben denn auch erst seit 1971 das Stimm- und Wahlrecht, sie erhielten es gleichzeitig mit den Schweizer Frauen.

Nun kehren diese überwunden geglaubten Zeiten zurück. Zumindest ansatzweise. Das müsste auch jenen bürgerlichen Parteien zu denken geben, die sich heute im Schatten der SVP als Sozialabbauer aufspielen. Sie verraten nicht nur eine der wichtigsten Errungenschaften der Schweiz des späten 20. Jahrhunderts, die Orientierung an ihren schwächsten Mitgliedern. Nein, sie vergessen dabei auch die staatstragende Kraft, die ein Sozialwerk, die eine Sozialhilfe haben. Ein Staat, der sich um seine Ärmsten kümmert, sorgt nicht nur dafür, dass diese ein anständiges Leben führen können, wenn sie ausgesteuert werden. Er garantiert damit auch Stabilität und Sicherheit für die ganze Gesellschaft.

Übrigens: Ein Viertel der Menschen, die staatliche Hilfe zugute hätte, wagt in der Schweiz gar nicht den Gang zum Sozialamt. Aus Überzeugung, aus Unwissen, aus Scham. Vielleicht aber auch aus Angst, dass man über sie sagen könnte: "Ist ja gut und recht. Aber ..."