Aktien mit Verlust abstoßen, das tut weh. Aber heute muss es sein, meine VW-Aktien sind fällig. Mit 1.000 Euro Miesen stehen sie in meinem Online-Depot. Ich klicke auf "Verkaufen". Dann kaufe ich für 6.000 Euro Anteile eines Fonds, der in nachhaltige Firmen in Schwellenländer investiert (ISIN IE00BYVJRP78). Raus aus den Autos, rein in einen Mix an Aktien aus Taiwan und Indien. Raus auch aus H&M und der Commerzbank, und rein in Fonds mit den Schwerpunkten China, USA und europäische Konzerne.

Der Grund für meine Umschicht-Aktion: Ich will es machen wie Norwegen. Genauer: wie der norwegische Staatsfonds Oljefondet, der Ölfonds. Er wurde einst gegründet, um die Einnahmen Norwegens aus dem Ölgeschäft zu vermehren – als Vorsorge für eine Zeit ohne Öl. In den vergangenen 20 Jahren hat er eine bessere Rendite erwirtschaftet als der Dax – und das bei größerer Streuung, also weniger Risiko. Nebenbei hat der Fonds hohe ethische Ansprüche, er hat gezielt seine Kohle-Investments abgestoßen, und er investiert zum Beispiel nicht in Waffenhersteller. Papiere des umstrittenen Nahrungsmittelherstellers Nestlé stecken aber durchaus im Portfolio.

Ich hingegen hatte bisher gar keine Strategie. Erst kürzlich habe ich beschlossen, mich systematischer mit Geldanlage zu befassen, da lagen auf meinen Konten und in meinem Depot 150.000 Euro. Das klingt erst mal gut, doch ehe jetzt Neid aufkommt: Es ist nur gerade im grünen Bereich, wenn man bedenkt, dass ich als Freiberufler weder fürs Alter noch gegen Arbeitslosigkeit abgesichert bin (und nein, ich habe weder Immobilien noch ein Auto). Mein Vermögen entspricht aber genau der Summe, die der norwegische Ölfonds pro Bürger angelegt hatte. Und weil der das besser kann als ich, habe ich beschlossen, es genauso zu machen. Ich will nicht mehr aus dem Bauch heraus Aktien kaufen, mal Telekom, mal VW, sondern systematisch investieren – und erfolgreich. Ich will wissen, wie ich als Anleger von den Norwegern lernen kann.

Aktuell hat der Ölfonds sein Geld in 9.000 Unternehmen aus 72 Ländern angelegt, Adidas aus Herzogenaurach ist genauso darunter wie die Lion Brewery aus Sri Lanka. Jedes dieser Wertpapiere einzeln zu kaufen wäre Unsinn: Er würden viel zu viele Gebühren anfallen, es wäre ungeheuer aufwendig, und es würde mehr Kapital brauchen, als ich habe. Aber es gibt einen Trick: Um mein Kapital ähnlich zu streuen wie die Norweger, greife ich auf nachhaltige ETF zurück, also Indexfonds. Sie sind günstig, weil sie Börsenindizes nachbilden und deswegen ohne teure Manager auskommen.

So kann ich den Fonds zwar nicht exakt kopieren. Aber ich kann ihn in wichtigen Punkten nachahmen: Ich streue breit international und setze auf Schwellenländer, statt fast nur deutsche Aktien zu kaufen und damit der sogenannten Home Bias zu erliegen – mit dem Begriff umschreiben Wissenschaftler die Neigung von Anlegern, vor allem heimische Aktien zu erwerben. Zudem setze ich so auch auf kleinere Unternehmen, deren Wert auf lange Sicht oft stärker gestiegen ist als der großer Konzerne. Und indem ich nicht panisch verkaufe, wenn die Kurse fallen, sondern stetig investiere, vermeide ich, billig zu verkaufen und einzusteigen, wenn die Rallye vorbei ist.

Sicher, der nächste Crash kommt bestimmt. Auch wenn ich mein Geld so breit verteilt habe wie die Norweger, werde ich dann auf dem Papier etwas verlieren. Aber auf lange Sicht dürfte mein Vermögen so wachsen, dass ich keine Angst vor Altersarmut haben muss – auch ohne VW-Aktien.