DIE ZEIT: Frau Schulze, Ostern steht bevor: Bio-Ei oder konventionelles Ei?

Svenja Schulze: Bio-Ei, unbedingt! Ich habe mir Haltungsmethoden von Tieren angesehen und danach entschieden, dass ich nie wieder etwas anderes esse als Bio-Ei. Inzwischen kann man in Supermärkten auch Eier von Anbietern kaufen, bei denen sichergestellt ist, dass die männlichen Küken nicht im Schredder landen. Auch darauf achte ich.

ZEIT: Osterlamm oder Tofucurry?

Schulze: Weder – noch. Ich esse schon lange kein Fleisch mehr. Ich esse aber auch nicht gerne Tofu.

ZEIT: Warum essen Sie kein Fleisch?

Schulze: Ich habe als Kind damit angefangen. Inzwischen könnte ich eine wunderbare Geschichte dazu erzählen. Die würde bloß nicht stimmen. Die Wahrheit ist: Ich glaube, das war nicht sehr bewusst, eher eine instinktive Rebellion gegen meine Eltern, die sehr gerne und viel Fleisch gegessen haben.

ZEIT: Manche verzichten auf Fleisch wegen der Tiere, andere wegen des Klimas. Was wäre denn der beste Grund?

Schulze: Das ist für mich wirklich eine Frage des Tierschutzes und der Menge. Ich persönlich finde, dass wir deutlich zu viel Fleisch essen. Und dass wir uns viel zu wenig Gedanken darüber machen, wo es eigentlich herkommt und wie es produziert wurde. Dafür wünsche ich mir mehr Aufmerksamkeit. Aber ich finde, jeder muss individuell entscheiden, was er verantworten möchte. Ich bin keine Missionarin.

ZEIT: Also sind Sie keine Anhängerin eines Veggie-Days?

Schulze: (lacht) Nein. Ich will ja auch jeden Tag etwas zu essen haben und nicht nur einmal die Woche. Im Ernst: Es sollte ein ständiges Angebot geben für alle, die generell oder ab und zu kein Fleisch essen möchten. Aber ich will das nicht verordnen. Ich will auch nicht, dass jeder, der mit mir essen geht, erst mal einen Vortrag ertragen muss.

ZEIT: Gibt es ein Ereignis, das Sie besonders geprägt hat, was Klima und Ökologie angeht?

Schulze: Was mich sehr beeindruckt hat, war ein Satz von Hubert Weinzierl, dem früheren BUND-Chef (Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland, Anm. d. Red.), der sagte: Wir sind alle Teilzeitheilige. Dieser Begriff des Teilzeitheiligen lässt mich nicht mehr los. Wir wissen alle in Wahrheit oft, wie man richtig handeln würde. Wir tun es aber nicht immer, sondern nur manchmal. Sich das zuzugestehen finde ich entlastend.

ZEIT: Man könnte daraus folgern, dass die Politik mehr verbieten sollte, weil wir die Welt sonst unweigerlich zerstören.

Schulze: Ich finde es interessanter und auch wirksamer, sich Gedanken darüber zu machen, wie man unsere Umgebung so gestalten kann, dass wir uns automatisch umweltfreundlicher und -bewusster verhalten. Ein kleines Beispiel: Ich habe ein Schlüsselbrett, das so konzipiert ist, dass der Fahrradschlüssel immer herunterfällt, wenn ich den Autoschlüssel nehme. Ich muss also immer den Fahrradschlüssel aufheben und überlegen: Willst du jetzt wirklich Auto fahren, oder nimmst du doch lieber das Fahrrad? Das ist profan, doch es hilft. Aber natürlich muss es auch harte Vereinbarungen geben. Sonst passiert zu wenig, das haben wir beim Klima gesehen.

"Wir glauben immer, dass wir die Besten sind"

ZEIT: Die Deutschen betrachten sich gerne als Musterschüler im Umweltschutz. Ist das eine Lebenslüge?

Schulze: Wenn ich mir das im europäischen Vergleich anschaue, finde ich uns tatsächlich oft ein bisschen arrogant. Wir glauben immer, dass wir die Besten sind. Wenn wir uns nüchtern die Zahlen anschauen, sind wir es nicht. Wir müssen etwas dafür tun, dass wir beim Umweltschutz an der Spitze bleiben und dort, wo wir es derzeit nicht sind, schnell wieder an die Spitze kommen – gerade als Industrieland. Die großen Märkte der Zukunft werden Umwelttechnologien und -dienstleistungen sein. Und da haben wir tolle Startbedingungen, wir können offensiv zeigen, dass Ökologie und Ökonomie nicht gegeneinanderstehen, sondern dass man mit Umweltschutz auch neue Märkte erschließen kann.

ZEIT: Jetzt versuchen Sie, den Konflikt zwischen Ökonomie und Ökologie einfach wegzureden. Den gibt es aber doch. In dem einen Fall geht es darum, unseren Lebensraum zu erhalten. In dem anderen, wirtschaftlichen Erfolg zu maximieren.

Schulze: Klar, den Konflikt kann es auch geben. Aber der ist nicht unlösbar. Und man kann mit ökologischer Wirtschaftspolitik viel erreichen.

ZEIT: Offenbar nicht genug. Das Artensterben geht weiter, das Grundwasser ist immer mehr belastet. Und auch beim Klimaschutz hat die letzte Koalition die Latte hochgelegt und ist dann bequem darunter durchspaziert.

Schulze: Wir haben in unserem Koalitionsvertrag eingestanden, dass wir das deutsche 40-Prozent-Klimaziel nicht bis 2020 erreichen können. Dafür haben wir aber verabredet, im kommenden Jahr in einem Gesetz festzuschreiben, wie wir bis 2030 ausreichend und rechtzeitig 55 Prozent Klimagase einsparen. Das ist sehr wichtig. Alle wissen doch, wie es um den Klimawandel steht.

ZEIT: Sigmar Gabriel, Ihr ehemaliger Parteivorsitzender, war nach dem Wahlkampf der Meinung, dass die SPD zu grün geworden sei. Er irrt sich also?

Schulze: Ich sage Ihnen, was ich auch ihm gesagt habe: Die grüne Frage ist inzwischen eine rote Frage, eine Frage der sozialen Gerechtigkeit. Wer wohnt denn an den lauten, dreckigen Straßen mit der schlechten Luft? Das sind doch nicht die reichen Leute.

ZEIT: Das sind allerdings auch nicht die Leute, die sich einen wöchentlichen Einkauf im Bioladen leisten können. Wenn dem Schwein der Schwanz nicht abgeschnitten wird und es mehr Platz im Stall bekommt, wird das Schnitzel teurer. Fänden Sie das richtig?

Schulze: Ich kann in Bio nicht das Gleiche zum selben Preis weiteressen, wie wenn ich mich konventionell ernähre, das stimmt. Doch kostet unsere heutige Agrarpolitik auch Geld, nur bezahlen die Menschen das über Umwege. Wenn beispielsweise das Grundwasser durch die Gülle verschmutzt wird, steigt der Wasserpreis. Wenn zu viel gespritzt wird, sterben die Bienen, und das Obst wird zum Luxusgut. Und das ist doch ein Horrorszenario, wenn da bald nichts mehr brummt! Mich treibt das wirklich um. Warum haben wir in der Politik und den Medien das Insektensterben nicht früher bemerkt? Jeder, der Auto fährt, weiß doch, wie die Windschutzscheibe früher ausgesehen hat. Und wie sie heute aussieht. Aber als politisches Thema ist das viel zu lange nicht angekommen.

ZEIT: Was tun Sie denn für die Bienen?

Schulze: Wir werden ein Aktionsprogramm Insektenschutz starten, nicht nur für Bienen, sondern für Insekten insgesamt. In den ersten 100 Tagen will ich Eckpunkte vorlegen.

ZEIT: Bis das wirkt, sind die Bienen womöglich schon tot.

Schulze: Wir brauchen ein Gesamtprogramm, damit die Landwirtschaft umweltfreundlicher wird. Wir haben im Koalitionsvertrag festgelegt, dass wir aus der Glyphosat-Nutzung aussteigen – das gilt natürlich für diese Legislaturperiode. Agrarminister Christian Schmidt hat das Glyphosat-Verbot in Brüssel noch im Alleingang verhindert, kurz bevor er das Amt dann abgeben musste. Das war ein Bumerang. Wir wollen das Mittel nicht mehr, aber wir wollen auch insgesamt einen grundsätzlich anderen, restriktiveren Umgang mit Pflanzen- und Insektengiften. Wir müssen auch Neonicotinoide verbieten.

ZEIT: Das sind sehr wirksame, hochgiftige Insektenvernichtungsmittel. Wann werden Sie diese Mittel verbieten?

Schulze: Bei den Neonicotinoiden steht in der EU im Mai die Entscheidung über die weitere Zulassung an, das ist eine einmalige Chance für ein europaweites Verbot. Ich bin strikt gegen jeden Einsatz im Freiland, weil das Bienen, Hummeln und anderen Insekten schadet. Bekommen wir in der EU keine Mehrheit dafür, brauchen wir wie bei Glyphosat ein nationales Verbot.

"Wichtiger ist, das Foulspiel zwischen den Ministerien zu beenden"

ZEIT: Wir reden über Tiere, Klima und Umwelt, weil das alles zusammenhängt. Bräuchten wir nicht ein Ökoministerium, das für Landwirtschaft, Umwelt und Klima zuständig ist, damit Sie wirklich etwas erreichen?

Schulze: Was Sie fordern, nennt man Bundesregierung. Sonst müsste ich ja sagen: Dann hätte ich gern auch noch das Wirtschaftsministerium, das für Verkehr, für Verbraucherschutz und für Soziales, denn in allen Ressorts gibt es Zusammenhänge mit Klima und Umwelt. Viel wichtiger ist, dass wir das Foulspiel zwischen den Ministerien beenden. Da haben doch einige Kollegen den Einsatz meiner Vorgängerin für mehr Klimaschutz hinter den Kulissen massiv torpediert.

ZEIT: Sie sind Mitglied der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Industrie. Kann man als Mitglied der IG BCE überhaupt eine ehrgeizige Klimapolitik machen?

Schulze: Zunächst einmal vertritt die IG BCE die Interessen von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern. Das ist nichts, wofür ich mich als Sozialdemokratin rechtfertigen müsste. Und ja, meine Gewerkschaft, in der ich mit großer Leidenschaft bin, ist sehr diskussionsfreudig ...

ZEIT: ... und würde Ihnen wütende Kohlekumpel vor das Ministerium schicken, wenn Sie Braunkohlekraftwerke schließen wollten.

Schulze: Deswegen richten wir eine Strukturwandelkommission ein, in der die Betroffenen mitdiskutieren sollen. Anders geht das heute nicht mehr. Man kann das nicht von oben befehlen.

ZEIT: Glauben Sie im Ernst, dass die Kumpel sich an einem Runden Tisch damit einverstanden erklären würden, dass sie abgeschafft werden?

Schulze: Das wissen die doch! Aber wir brauchen Ideen, was die Kohlekumpel stattdessen machen können. Wir diskutieren seit Langem. Aber wo haben wir die Betroffenen mal mit an einen Tisch geholt? Wir müssen mit ihnen darüber reden, wie das sozialverträglich geht, sodass die betroffenen Regionen auch eine Zukunft haben.

ZEIT: Die Jamaika-Koalition wollte sofort handeln und sieben Gigawatt Braunkohlestrom vom Netz nehmen. Damit hätte sich unser CO₂-Ausstoß rasant verringert.

Schulze: Mit Verlaub, die Jamaika-Koalition wollte gar nicht handeln. Sie ist nämlich nicht zustande gekommen. Und Herr Lindner führt den Klimaschutz als eines der Haupthindernisse an – weil man in der FDP der Debatte um Jahrzehnte hinterherhinkt. Das im Alleingang ohne Dialog durchzusetzen hätte enorm viel Geld gekostet. Zwingen wir RWE, die Kraftwerke zuzumachen, dann wollen die Geld dafür, oder sie werden klagen. Deshalb müssen wir auch die Industrie mitnehmen. Mir geht es darum, angesichts der großen Veränderungen, wie sie etwa in der Energie- und Verkehrspolitik anstehen, den gesellschaftlichen Zusammenhalt im Blick zu behalten.

ZEIT: Vorhin haben Sie über die dreckigen Straßen gesprochen, an denen die armen Leute wohnen und deswegen durch Schadstoffe eher krank werden als die Reichen. Da hätten Sie ein schnell wirksames Instrument, um für mehr Gerechtigkeit zu sorgen: Fahrverbote.

Schulze: Da bin ich vielleicht noch zu sehr von meiner Vergangenheit als Innovationsministerin in Nordrhein-Westfalen geprägt. Die Autos wären ja nicht weg, die werden nicht verschrottet, die fahren bloß anderswo herum. Mich beschäftigt, wie wir den Ausstoß von Stickoxiden und Feinstaub verringern können, ohne dass das unsere Mobilität einschränkt. Deswegen müssen wir den Verkehr umbauen. Deswegen brauchen wir zum Beispiel mehr Elektroautos, mehr öffentlichen Nahverkehr, mehr Radwege und mehr Raum für Fußgänger.

"Die Nachrüstung muss die Autoindustrie bezahlen"

ZEIT: Angeblich gibt es erst knapp 100.000 Elektroautos statt einer Million, wie die Bundesregierung es wollte, weil die Autohersteller lieber weiter Diesel- und Benzinfahrzeuge verkaufen. Außerdem fehlt die Infrastruktur, es gibt zu wenig Zapfsäulen oder Steckdosen in Tiefgaragen.

Schulze: Die Lade-Infrastruktur wächst derzeit, da gibt es schon mehr, als man denkt. Aber wir brauchen auch noch staatliche Unterstützung. Wir unterstützen den Umbau der Infrastruktur mit bisher 300 Millionen Euro. Und wir fördern den Kauf von reinen Elektrofahrzeugen mit 4.000 Euro, von Plug-in-Hybridfahrzeugen mit 3.000 Euro. Ich bin dafür, dass wir diese Förderung fortsetzen.

ZEIT: Sie schmeißen also einer Autoindustrie, die Millionen Käufer betrogen hat und Milliardengewinne einfährt, noch Geld hinterher. Müssten Sie nicht eher Geld zurückfordern?

Schulze: Das hat mit Hinterherschmeißen nichts zu tun, das sind Investitionen in unsere Mobilität der Zukunft. Und was den Diesel angeht, muss die Autoindustrie die Nachrüstung bezahlen, ganz klar. Es reicht nicht, nur neue Software aufzuspielen. Auch die Kosten für die Hardware-Nachrüstung müssen von der Industrie übernommen werden.

ZEIT: Freiwillig wird sie das nicht machen, wie wollen Sie das erzwingen?

Schulze: Als Umweltministerin kann ich das nicht erzwingen, ich bin bei dem Thema nur für die saubere Luft zuständig. Die ganze Bundesregierung ist gefordert. Auch Kanzlerin, Wirtschafts- und Verkehrsminister können sich da nicht zurücklehnen. Aber eigentlich müsste die Industrie ein eigenes Interesse daran haben, ihren Ruf und den des Diesels wieder aufzupolieren, indem sie sich aktiv an der Lösung des Problems beteiligt.

ZEIT: Wenn Sie das Klima wirklich schützen wollen, müssen Sie sich als Ministerin gleichzeitig mit der Autoindustrie anlegen, mit der Landwirtschaft und der Industrie – weil die alle CO₂ einsparen müssen, viel mehr, als sie es heute tun. Aber die Emissionen im Verkehr sinken nicht, sie sind sogar noch gestiegen.

Schulze: Ich habe meine Kollegen in den zuständigen Ministerien schon angeschrieben und gebeten, Maßnahmen vorzuschlagen, wie in ihren Bereichen CO₂ eingespart werden kann. Denn die Klimaziele haben wir alle gemeinsam fest vereinbart. Also müssen auch alle liefern. Der Energieminister wird sich zum Beispiel nicht nur um die Energiewende im Stromsektor kümmern müssen, sondern auch um die Gebäudeenergie und Raumwärme.

ZEIT: Und wenn die anderen Ministerien das wie bisher einfach nicht tun?

Schulze: Das hier ist kein Kuschelministerium, das ist mir klar. Aber auch als Anhängerin von Slow Food weiß ich: Wenn man in die Küche geht, muss man damit rechnen, dass es heiß wird. Und hier ist es sehr heiß. Aber ich will das Thema Klima nach vorne bringen, und das werde ich.