Cool war er schon immer. Seit Steven Soderbergh 1989 als 26-Jähriger mit seinem Diskurs- und Beziehungsfilm Sex, Lügen und Video die Goldene Palme von Cannes gewann, war das Filmemachen für ihn ein (Selbst-)Versuchsfeld. Ein fortwährenes Ausprobieren von Erzählformen, Ästhetiken, Aufnahmetechniken, Produktionsweisen. Letztlich drehte er nach jedem Film dessen Gegenteil.

Soderbergh arbeitete mal ohne Geld und mit unbekannten Darstellern (Bubble), mal mit riesigem Budget (Traffic) und mit Superstars (Ocean’s Eleven). Früh entwarf er mit digitalen Kameras hochkomplexe Erzählgeflechte (Voll Frontal), oder er drehte einen expressionistischen Film über seinen Lieblingsschriftsteller (Kafka). Als er für seinen vierstündigen spanischsprachigen Zweiteiler über Che Guevara (Che) in Hollywood keine Investoren fand, suchte er sie sich in Europa. Und als die Studios seinen Film über den Entertainer Liberace (immerhin mit Michael Douglas) als zu schwul und zu marginal befanden, verkaufte er ihn an den Bezahlsender HBO. Kurz: Steven Soderbergh ist der Typ, der jede Welle surft und danach noch einen kleinen Salto auf dem Brett macht.

Und nun hat er einen Film auf dem Smartphone gedreht: Der Thriller Unsane entstand gänzlich auf einem iPhone (erweitert durch ein externes Mikrofon und eine Tragevorrichtung). Er handelt von einer jungen Frau, die gegen ihren Willen in einer Klinik festgehalten wird.

Sawyer Valentini (Claire Foy) ist eine selbstbewusste Börsenanalystin, die noch beim energischen Gang zum Coffeeshop die Karriereleiter hochzuklettern scheint. Zugleich ist sie ein angeschlagenes Wesen, das auf der Flucht vor einem Stalker gerade die Stadt gewechselt hat. Über Dating-Apps organisiert sie sich One-Night-Stands mit Männern, in denen sie jedoch immer wieder ihren Verfolger zu erkennen glaubt. In der Klinik Highland Creek sucht Sawyer ambulante Betreuung. Doch ihre leichtfertig unter das Aufnahmeformular gesetzte Unterschrift führt in einen jener Kino-Albträume, aus denen es kein Erwachen gibt: Leibesvisitation, abgeschlossene Türen, Panik, Wut, Ruhigstellung. Als Sawyer in einem Pfleger ihren Stalker zu erblicken glaubt, wird der Albtraum zum Horrortrip. Irgendwann fragt man sich, ob der Film selbst verrücktspielt unter der Wirkung der Psychopharmaka, die seiner Heldin eingeflößt werden.

Mangelnde Raumtiefe bei gleichbleibender Schärfe – die technische Verfasstheit der Smartphone-Bilder nutzt Soderbergh als Stilmittel. Durch die flachen Hintergründe entsteht ein Gefühl der Desorientierung, der Ausweglosigkeit, des Verlorenseins in der Klinik. Ansonsten setzt er das Smartphone so ruhig und konzentriert ein wie eine "normale" Kamera, bis hin zu einer 360-Grad-Fahrt in der Gummizelle, mit der Sawyers Schicksal besiegelt scheint. Allerdings muss man auch sagen, dass sich der technische Aufwand proportional zur Arbeit am Drehbuch verhält. Jenseits der Paranoia-Situation, hie und da verbunden mit einer Kritik am US-Gesundheitssystem, hat der Film nicht viel zu erzählen.

Aus Kostengründen hat der Regisseur Sean Baker vor drei Jahren ebenfalls einen Spielfilm auf dem Smartphone gedreht: Tangerine L.A. über das Lebensgefühl transsexueller Prostituierter. Für Steven Soderberg hingegen ist das Drehen mit dem Smartphone keine finanzielle Notwendigkeit. Auch keine sportliche Leistung oder heilsame Selbstbeschränkung. Eher geht es um die spielerische Befreiung von einer Industrie, deren Zwänge – die Blockbuster-Fixierung oder auch exzessive Marketingbudgets – ihm nach eigener Aussage zunehmend auf die Nerven gehen.

Und so hat er einen schmuddeligen kleinen Paranoia-Film gedreht, der zeigt, dass es für einen spannungsvollen Popcorn-Abend keine großen Budgets, keine schwere Logistik und keine aufgeblasenen Personallisten braucht. Sondern eine gute Darstellerin, ein Smartphone und ein bisschen Benzodiazepin.

Die produktionstechnische Pointe von Unsane weist auch in eine andere Richtung: Soderbergh bedient sich des Mittels, mit dem jeder YouTuber und Influencer seine Filme dreht. Gleichzeitig benutzt er das iPhone wie eine klassische Kamera. Vielleicht will er einfach nur zeigen, dass es geht. Streng genommen gibt es jetzt aber keine Entschuldigung mehr für den ganzen visuellen Müll im Netz.