Das Klischee vom "Chaos im Weißen Haus", in dem nur Durcheinander und Inkompetenz herrschen, ist irreführend. Es findet gerade ein radikaler Umbau der amerikanischen Regierung statt. Eine zweite Phase dieser Präsidentschaft hat begonnen. Was sich abzeichnet, ist Trump pur: entfesselt und unbehindert durch den Widerstand der Apparate, der Profis, der Washingtoner Bürokratie.

Donald Trump hat vorletzte Woche seinen Außenminister Rex Tillerson per Twittermeldung rausgeworfen und angekündigt, ihn durch den CIA-Chef Mike Pompeo zu ersetzen. Am letzten Freitag erwischte es dann den Nationalen Sicherheitsberater H. R. McMaster. Er soll von John Bolton abgelöst werden, einem extremen außenpolitischen Falken, der unter George W. Bush diente und sich an der Vorbereitung des Irakkriegs beteiligte.

Mit Pompeo und Bolton verbindet Trump, amerikanische Stärke in der Welt wiederherstellen zu wollen – durch toughes, rücksichtsloses, unberechenbares Auftreten. Der eine oder andere falsche Krieg kann da schon mal passieren. Und beide Männer befürworten eine Politik des Regimewechsels gegenüber dem Iran und Nordkorea. Donald Trump, kommentierte ein saudischer Diplomat voller Genugtuung, sei dabei, sein "Kriegskabinett" zusammenzustellen.

Der Rauswurf von Tillerson und McMaster markiert das Ende einer trostreichen Theorie: Donald Trumps aggressiv-nationalistische Außenpolitik werde von einer Riege verantwortlicher "Erwachsener" in der Regierung in Schach gehalten.

Mit dieser Theorie haben sich viele Politiker in den mit Washington befreundeten Hauptstädten beruhigt – auch in Berlin. Doch sie beruhte von Anfang an auf einer Illusion. Trump lässt sich nicht einhegen. Er trennt sich früher oder später von Mitarbeitern, die glauben, ihn an der Leine führen zu können. Nicht ausgeschlossen, dass das auch den beiden Neuen passiert. Doch im Unterschied zu ihren Vorgängern wollen sie Trump gar nicht korrigieren.

Die Hoffnung auf den Einfluss der "Erwachsenen" durchlief sechs Stadien der Desillusionierung: Trump ließ sich nicht durch Experten in die Komplexität des Regierens einführen. Man konnte ihm seine unsinnigen Lieblingsprojekte (wie Mauer, Zölle, Muslim-Bann) nicht ausreden. Es war auch nicht möglich, ihn mithilfe der Bürokratie zu umgehen. Manche der sogenannten Gemäßigten passten sich an und gaben sich selbst als Trumpisten. Sie wurden trotzdem entlassen und durch echte Radikale ersetzt.

Zu der Gruppe der vermeintlichen "Erwachsenen" zählen neben Tillerson und McMaster der Wirtschaftsberater Gary Cohn, Stabschef John Kelly und Verteidigungsminister James Mattis. Die ersten drei sind nun weg vom Fenster. Und über Kelly heißt es schon seit Monaten, auch er wolle am liebsten raus aus dem Weißen Haus. Bliebe von den angeblich Gemäßigten nur noch der Verteidigungsminister. Doch wer wollte darauf wetten, dass dessen Wort noch zählt? Letzte Woche wurde er beim Mittagessen mit dem geschassten Tillerson gesehen. In Trumps Welt gilt eine solche menschliche Geste als Illoyalität, und die wird früher oder später durch Rauswurf bestraft.