Hanna Jacobs, 29, ist Vikarin im niedersächsischen Selsingen. Im Wechsel mit der katholischen Theologin Alina Oehler schreibt sie, wie sie als junge Geistliche ihre Kirche verändern will. © Hannes Leitlein

Fast immer, wenn ich als Kind meine Oma besuchte, aßen wir zusammen Frankfurter Kranz. Der Krokant knisterte schön zwischen den Zähnen. Wenn dann die leeren Teller vor uns auf dem Tisch standen, seufzte Oma: "Jetzt haben wir aber wieder gesündigt!" und sah dabei recht zufrieden aus.

Es war das erste, freilich stark kontextualisierte Sündenbekenntnis, das ich erlernte. Etliche Jahre später bekannte wieder jemand, dass "wir" gesündigt hätten: diesmal nicht beim Kuchen, sondern in Gedanken, Worten und Taten. Es war der erste Gottesdienst in meiner Vikariatsgemeinde, und ich wusste auf Anhieb gar nicht, wie ich darauf antworten sollte. Ich blätterte noch hektisch in dem kleinen Begleitheftchen, das hinten im Gesangbuch klebte, als man um mich herum schon gemeinsam bat: Der allmächtige Gott erbarme sich unser. Er vergebe uns unsere Sünde und führe uns zum ewigen Leben. Amen. Und dann erklärte der Pastor, dass Gott das alles vergeben und verziehen habe – um Jesu Willen. Es fühlte sich angenehm an. Ähnlich gut, wie damals zufrieden bei Oma auf dem Sofa zu sitzen, nur leichter und ganz frei.

Obwohl so ein Bußgebet einen Platz in der Liturgie eines evangelischen Gottesdienstes hat, wird vielerorts darauf verzichtet. Die Sünde ist ein peinliches, ein unmodernes Wort. Diejenigen, die Gottesdienste gestalten, wissen wohl, dass Sünde nicht kalorisch und nur bedingt moralisch gemeint ist. Vielmehr ist Sünde der Riss, der in der Beziehung zwischen mir und Gott klafft und sich auch auf das Verhältnis zu anderen Menschen und zu mir selbst auswirkt. Wer ehrlich zu sich ist, weiß, dass er nicht nicht sündigen kann – so weit die lutherische Überzeugung. Tatsächlich erlöst die Kirche meist lieber gleich vom Sündenbewusstsein als von der Sünde. Und enthält den Gläubigen das wunderbare Gefühl vor, vor Gott und vor sich wieder ins Lot gebracht zu werden. Wo keine Sünde ist, braucht’s auch keine Gnade.

Das Confiteor, das Bekenntnis der eigenen Schuld, gesteht Menschen, die sonst immer alles im Griff haben müssen, einen liturgisch inszenierten Kontrollverlust zu und schenkt ihnen die Erfahrung, dass die Lösung ausnahmsweise nicht ist, sich einfach ein bisschen mehr anzustrengen. Ich brauche das und könnte mir vorstellen, dass noch ein paar mehr Menschen Interesse an dieser Art von Freiheit haben. Das kann, aber muss nicht mit diesen Worten und in dieser Form geschehen, doch ich werbe dafür, dass die evangelische Kirche ihre Aufgabe der Sündenvergebung wieder ein wenig ernster nimmt. Übrigens verbindet das Confiteor mit den katholischen Geschwistern, die dies in jeder Messe beten. Gleichzeitig fasst es in seiner protestantischen Form reformatorische Theologie auf die Länge eines Tweets zusammen, und allein das macht es den Versuch wert.