Auf all jene, die am 25. Februar vor die Grabeskirche traten, ob gläubige Christen oder neugierige Touristen, wartete eine bittere Enttäuschung: Das übermannshohe Tor des ikonischen Gebäudes war verschlossen. Die Grabeskirche in Jerusalem, der Überlieferung nach am Ort der Kreuzigung und Wiederauferstehung Jesu errichtet, zählt zu den bedeutendsten Anlaufstellen für christliche Besucher im Heiligen Land. Die Kirche, erbaut im 4. Jahrhundert im Auftrag des Kaisers Konstantin, zieht selbst jene an, die sonst allenfalls an Weihnachten ein Gotteshaus von innen sehen. Fotos von enttäuschten Besuchern, die auf den Stufen vor dem Eingang beteten, gingen rasch um die Welt.

Die Schließung war eine Geste des Protests, vielleicht auch der Verzweiflung, beschlossen von den Leitungen der armenischen, römisch-katholischen und griechisch-orthodoxen Kirchen in Jerusalem, die die Grabeskirche gemeinsam verwalten. Der Schritt bildete den bisherigen Höhepunkt eines Konflikts zwischen den Kirchen, der Jerusalemer Stadtverwaltung und dem israelischen Staat. Es geht um Land, um Wohnraum, um viel Geld. Und um Menschen wie Jonathan Tzevi, normale Bürger, die von heute auf morgen nicht mehr wissen, was aus ihrer Wohnung wird.

Tzevi, 63 Jahre alt, ein stämmiger Herr mit Glatze und schmalem Schnurrbart, hat Übung darin entwickelt, den Konflikt zu erklären: Von seiner Mutter, die 1933 vor den Nazis nach Jerusalem floh, hat er eine Wohnung geerbt, die einst auf einem Grundstück der katholischen Kirche in Jerusalem gebaut wurde. Doch seit die Kirche das Land an einen privaten Investor abgetreten hat, ist unklar, was mit dem Gebäude darauf geschehen wird. Dagegen wehren Tzevi und andere Wohnungsbesitzer sich, ihr Protest hat die Regierung mobilisiert – und die hat, um die Bürger zu besänftigen, die Kirchen gegen sich aufgebracht.

Heute arbeitet Jonathan Tzevi, inoffizieller Sprecher der Wohnungsbesitzer, als Anwalt in Jerusalem. Früher flog er Kampfjets in der israelischen Armee, hinter seinem Schreibtisch hängt das Foto einer F-4. "Die Geschichte", sagt er, "beginnt hier in Jerusalem Mitte des 19. Jahrhunderts." Damals erlaubte der osmanische Sultan, geschwächt von militärischen Niederlagen, es Ausländern erstmals, Grundstücke in seinem Reich zu erwerben. Kirchen verschiedener Denominationen kauften Ländereien, vor allem in Jerusalem. Die Kirchen selbst geben keine Daten heraus, doch laut David Kimhi, einem Experten für Stadtplanung vom Jerusalem-Institut für Israelstudien, gehören ihnen rund fünf Quadratkilometer in Jerusalem. Allein die griechisch-orthodoxe Kirche gilt als zweitgrößter Landbesitzer in Israel, nach der israelischen Landesbehörde.

Auf manchen dieser Grundstücke stehen Kirchen, Klöster und Abteien. Andere Ländereien verpachteten die geistlichen Großgrundbesitzer kurz nach der Staatsgründung Israels 1948 an Akteure wie den Jüdischen Nationalfonds (JNF), der Anfang des 20. Jahrhunderts von europäischen Zionisten gegründet wurde, um Boden im Heiligen Land zu erstehen. Viele dieser Grundstücke gehören heute zu den besten und teuersten Jerusalems: Das israelische Parlament etwa wurde auf Land der griechisch-orthodoxen Kirche errichtet. Auf anderen Grundstücken bauten der JNF oder private Unternehmen Hotels, Geschäfte und Wohnimmobilien. Die Pacht gilt für 99 Jahre, bei vielen Grundstücken wird sie in den 2050er Jahren ablaufen, auch die Pacht für das Grundstück, auf dem Tzevis Mutter einst ihre Wohnung kaufte. Alle der Beteiligten seien stets davon ausgegangen, dass die Pacht verlängert würde, sagt Tzevi. "Niemand hätte erwartet, dass die Kirchen das Land an Immobilienhaie verkaufen würden."

Vor zwei Jahren jedoch drangen Berichte an die Öffentlichkeit, dass genau das geschehen ist: Die katholischen und griechisch-orthodoxen Kirchen hatten die zukünftigen Rechte auf zentral gelegene Grundstücke in Jerusalem an private Investoren verkauft – in einigen Fällen die Pacht, in anderen das Land selbst. Und was die mit den bestehenden Immobilien vorhaben, ist ungewiss. Einige Anwohner sollen bereits gewarnt geworden sein: Wollten sie nach Ablauf der Pacht in ihren Wohnungen bleiben, müssten sie zahlen, Summen von bis zu 150.000 US-Dollar schwirren durch die Medien. Zudem ist der Wert der Wohnungen am Markt drastisch gesunken, seitdem bekannt ist, dass sie in wenigen Jahrzehnten ohnehin in die Hände eines Investors wechseln. "Wer will schon eine Wohnung kaufen, die einem morgen nicht mehr gehört?", fragt Tzevi.

Er selbst vermietet das Erbe seiner Mutter inzwischen. Noch härter trifft es diejenigen, die selbst in einem der betroffenen Gebäude leben, darunter viele ältere Menschen, denen ein Umzug besonders schwer fiele. Zu ihnen gehört die 90-jährige Esther Meiron, in Ungarn geboren, Holocaustüberlebende. 1973 kaufte sie eine Wohnung in "Rosh Rehavia", einem L-förmigen Sandsteingebäude mit breiten Balkons in Rehavia, einem der attraktivsten Viertel Jerusalems. "Ich wusste damals, dass die Pacht nur für 99 Jahre gilt", sagt Meiron. "Ich war nicht naiv." Ein Anwalt habe ihr jedoch versichert, die Verlängerung der Pacht sei reine Formsache. Sie verließ sich darauf – bis 2016 bekannt wurde, dass ein privater Investor die Rechte für die zukünftige Pacht von der katholischen Kirche erworben hatte. Der Unternehmer habe den Bewohnern gedroht, sie müssten ausziehen, sobald er das Gebäude übernehme, und sie gedrängt, ihre Wohnungen zum halben Preis zu verkaufen. "Aber ich bleibe hier", sagt Meiron bestimmt. "Das ist mein Zuhause."