Kinder sind gefährliche Wesen. Gegen ihre Gefühle helfen keine Argumente. Wenn sie von Krieg und Flucht berichten, wenn ihnen Tränen über das Gesicht laufen bei der Vorstellung, bald wieder in Bürgerkrieg oder Armut zurückzumüssen, sieht noch der feinsinnigste Verantwortungsethiker grobschlächtig aus. Als etwa Angela Merkel im Sommer vor drei Jahren dem weinenden palästinensischen Mädchen Reem erklärte, "es werden auch manche zurückgehen müssen", und dieses daraufhin in Tränen ausbrach, da half kein Tätscheln und kein "Das hast du doch prima gemacht" mehr: Die Kanzlerin wirkte herzlos und trampelig.

Eine ähnliche Wirkung haben die Werke, die das Museum Altona gerade zeigt. Die Künstlerin Patricia Thoma stellt Bilder aus, die in den letzten vier Jahren in sogenannten Willkommensklassen mit migrierten Kindern entstanden sind. Der Ausstellungstitel Zuhause in Altona. Kinderzeichnungen aus aller Welt ist brav und unschuldig. Der Effekt der Ausstellung ist es nicht.

"Mein Name ist Miran", schreibt ein Zehnjähriger aus dem kurdischen Teil Syriens auf sein Strichmännchenbild. "Ich schreibe und lese gerne. Ich liebe di Schule." "Das bin ich in Deutschland", schreibt die 16-jährige Iranerin Narges und malt sich mit blauer Hose, rotem Pulli und buntem Kopftuch. Daneben malt sie sich im Iran: Nur das bebrillte Gesicht ist zu sehen und die braunen Schuhe, der Körper ist schwarz verhüllt. "Im Iran muss die Frauen Chador anziehen."

An den knallbunten Kinderzeichnungswänden im Altonaer Museum wird so manche Phobie zerschellen. Auf denkbar einfachste Art – so einfach wie die Aufgabe, die die Künstlerin Patricia Thoma den Kindern gestellt hat: Sie sollten ihr Zuhause malen.

"Ich habe bewusst nicht mit dem Wort ›Heimat‹ gearbeitet", sagt Thoma. "Heimat ist ein Erwachsenenwort und mit Bedeutungen überfrachtet, die Kinder oft nicht verstehen. Ein Zuhause hat jedes Kind. Zuhause ist das eigene Zimmer, die Wohnung, das Essen, die Eltern und Geschwister oder die Sprache." Was in der Erwachsenenwelt wie eine einfältige Allerweltsweisheit klingt, ist aus der Kinderperspektive die einzig akzeptable Realität: dass wir alle in erster Linie weder weiß noch schwarz, weder Christen noch Muslime sind, sondern Menschen.

Das Haus vom Nikolaus, so legt die Ausstellung nahe, steht überall auf der Welt, und die Sonne strahlt ihre gelben Buntstiftstrahlen rund um den Globus. Allerorten gibt es "Flogtseuge" und "Regenpogen". Und Pizza. Ganz viel Pizza. Pizza neben den syrischen, neben den afghanischen und den sudanesischen Landesfarben. Die jeweilige Nationalflagge und das italienische Gericht sind die mit Abstand beliebtesten Motive auf den Zeichnungen. "Ich komme aus Bulgarien. Ich bin 8 Jahre alt. Ich habe eine Schwester. Ich esse gerne Pizza", schreibt ein Mädchen – und garniert ihr Bild mit den Farben der bulgarischen Flagge.

"Viele der Kinder konnten noch nicht besondern gut deutsch sprechen", sagt Patricia Thoma, die vor allem als Kinderbuchillustratorin arbeitet. "Ich habe ihnen dann gesagt, dass meine Sprache das Zeichnen ist und dass alle diese Sprache sprechen können. So habe ich versucht, Hemmschwellen abzubauen."

Die Flucht hat sie in ihren Workshops bewusst nicht angesprochen. "Das Thema ist für die Jüngeren noch zu abstrakt. Und ich hätte das ein bisschen zu voyeuristisch gefunden", sagt sie. Außerdem würden die Erfahrungen ohnehin die ganze Zeit mitschwingen.