Könnte Stephan Oberholz die Zeit zurückdrehen, er würde es tun. Denn dann könnte er, der Vorsitzende des Sportgerichts beim Nordostdeutschen Fußballverband (NOFV), diesen Satz streichen, den er am liebsten nie verwendet hätte: "Etwa ab der 15. Spielminute rief eine Person mit rotem Punkerhaarschnitt aus dem Babelsberger Fanblock in Richtung des Cottbusser Fanblockes: 'Nazi-Schweine raus'."

Der Satz steht in einem Urteil gegen den Fußballverein Babelsberg 03 und bringt ihn, Oberholz, und seinen ganzen Verband in größte Bedrängnis. Denn von der breiten Öffentlichkeit wurde dieser Satz so aufgefasst: Vereine, die sich gegen Neonazis wehren, werden bestraft. Rechtsextremismus im Stadion dagegen wird ignoriert. Der Fall schaffte es bis in die New York Times, in die Washington Post, in spanische und neuseeländische Zeitungen. Viel Aufmerksamkeit, die sich auch mit den Zeiten erklären lässt, in denen wir leben: Wie polarisiert die Gesellschaft ist, das zeigt sich letztlich auch im Stadion.

Aber kann das wirklich sein – dass ein deutscher Fußballverband Anti-Nazi-Sprüche bestraft, aber nicht die Entgleisungen der Gegenseite?

Stephan Oberholz, der Richter, sagt sofort zu, als man ihn um ein Gespräch bittet; zum Termin erscheint er zehn Minuten zu früh. Es ist ihm ganz offensichtlich ein Anliegen, jetzt zu reden. Oberholz, 53 Jahre alt, ist schon auf den ersten Blick die Sachlichkeit in Person. Grauer Anzug, eng gebundene Krawatte, Aktenordner unterm Arm. Er ist im Hauptberuf Richter am Leipziger Landgericht. Fürs Sportgericht des NOFV, eines Mitgliedsverbands des DFB, arbeitet er ehrenamtlich.

Und Oberholz sagt gleich zu Beginn: Man müsse sich genau ansehen, was das für ein Tag gewesen sei, der viele Monate später für solche Schlagzeilen sorgen sollte. "Eine aufgeheizte Stimmung, eine undurchsichtige Gemengelage."

Es ist der 28. April 2017, ein Freitagabend, der SV Babelsberg 03 empfängt im heimischen Karl-Liebknecht-Stadion den FC Energie Cottbus. Die Saison ist fast beendet, sportlich geht es um nichts mehr. Und doch ist dieses Derby brisant: Hier treffen sich zwei Vereine mit politisch verfeindeten Fanszenen. An der Rückwand der Babelsberger Nordkurve, wo die Ultras für Stimmung sorgen, stehen Sprüche wie "Antiracist Football" und "Refugees Welcome". In Cottbus hat man dagegen, in der Nähe des Stadions, schon die Schriftzüge "Juden 03" und "Babelsberg vergasen" gelesen. Wenn Babelsberg auf Cottbus trifft, ist Brandenburgs Polizei in Truppenstärke vor Ort. Dass Energie Cottbus ein Problem mit Neonazi-Fans hat, ist offensichtlich.

An diesem Abend, man kann das auf Videos nachvollziehen, hat das Spiel gegen Babelsberg noch nicht begonnen, da zeigt ein Fan im Cottbusser Block den Hitlergruß. Wenig später brennen Babelsberger Ultras Pyrotechnik ab, der Anstoß verzögert sich. Dann, das Spiel läuft nun seit einigen Minuten, vermummt sich eine Gruppe von etwa 25 Cottbus-Anhängern: immer ein Zeichen, dass gleich etwas passieren wird. Zweimal versucht die Gruppe, das Spielfeld zu stürmen. Beide Male kann die Polizei das mit hartem Eingreifen verhindern. Die Cottbusser Hooligans rufen: "Arbeit macht frei – Babelsberg 03" und: "Zecken, Zigeuner und Juden". Erneut wird der Hitlergruß gezeigt. Aus der Babelsberger Kurve sind "Nazi-Schweine"-Rufe zu hören. Es fliegen Leuchtraketen aus beiden Blöcken auf das Spielfeld und in die jeweils andere Fankurve. Trotzdem kann das Spiel zu Ende gebracht werden, Babelsberg gewinnt mit 2:1. Für das Ergebnis interessieren sich an dem Abend aber nur wenige, eine andere Zahl rückt in den Vordergrund: 19 Strafanzeigen, die die Polizei aufnimmt. Alle wissen, dass dieses Spiel nicht nur für die Fans, sondern auch für die Vereine juristische Folgen haben wird.

Niemand habe ihm von den Sprüchen der Cottbusser Fans berichtet, sagt der Richter

Es dauert fast zwei Monate, bis das Sportgericht unter Stephan Oberholz seine Urteile verkündet. Der SV Babelsberg 03 wird wegen "unsportlichen Verhaltens" seiner Fans zu 7.000 Euro Strafe und einem Geisterspiel auf Bewährung verurteilt. In der Urteilsbegründung liest man vom Abbrennen "einer Vielzahl pyrotechnischer Artikel" im Babelsberger Block. Von bengalischen Feuern und Leuchtraketen während des Spiels. Und man liest eben auch den eingangs zitierten Satz, dass ein Babelsberger Fan "Nazi-Schweine raus" gerufen habe.