Ein Arztbesuch kann messbar aufregend sein. Der Patient ist angespannt, die Situation unangenehm – das treibt den Blutdruck mitunter in die Höhe. Die Folge: Schätzungsweise 20 Prozent aller in den Praxen gemessenen Werte spiegeln nicht den alltäglichen Blutdruck wider. Würde sich der Arzt allein auf diese Daten verlassen und die Therapie danach ausrichten, gingen wohl Abertausende Patienten unnötig mit einem Rezept für einen Blutdrucksenker nach Hause.

Doch das ist nicht der einzige Unsicherheitsfaktor. Genauso wie die Ergebnisse der Blutdruckmessung schwanken können, ändert sich bisweilen die Grundlage der ärztlichen Bewertung. So hat die American Heart Association im vergangenen Jahr die Zielwerte für den oberen (systolischen) und den unteren (diastolischen) Blutdruck deutlich gesenkt. Wurde früher ein oberer Blutdruck von 140 Millimeter Quecksilbersäule (mmHg) noch als "hoch normal" eingestuft, gilt in den USA jetzt bereits 130 als krankhaft, und der diastolische Wert soll unter 80 liegen statt vormals 90. Auf diese Weise sollen Herzinfarkte, Schlaganfälle und Nierenschäden verhindert werden – die langfristigen Folgen eines Hochdrucks.

So verwandelt die Änderung eines Grenzwertes gesunde Menschen in Kranke. Allein in den USA könnte die Maßnahme zu 4,2 Millionen Patienten führen, die Tabletten bekommen. Die Entscheidung, ob Deutschland den Amerikanern folgt, will also wohlüberlegt sein. Wer über Jahrzehnte Blutdruckmittel mit potenziellen Nebenwirkungen schlucken soll, möchte schließlich sichergehen, dass dies wirklich notwendig ist.

Dafür muss zunächst die Messung stimmen. "Hochdruckkranke sollten ihren Blutdruck selber messen", rät Bernhard Krämer, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Hochdruckliga. "Diese Werte sind für mich wichtiger als die Werte, die ich selbst in meiner Sprechstunde messe." Insgesamt habe sich zumindest bei einem Teil der Studien gezeigt, dass jene Menschen zuverlässigere Werte erhalten, die sich regelmäßig die Blutdruckmanschette selbst um den Oberarm legen.

Martin Middeke allerdings hadert mit den Selbstmessungen. Sie produzierten Fehlalarme, wenn die Bedingungen nicht stimmten, sagt der Chef des Hypertoniezentrums München, der sich seit 40 Jahren mit Bluthochdruck beschäftigt. "Das betrifft vor allem ältere und häufig alleinstehende Damen, die morgens aktiv und abgelenkt sind, ihren Haushalt machen und einkaufen gehen." Nachmittags legten sie dann in ängstlicher Erwartung die Manschette an. Nicht selten sei der Druck zu hoch – was zu falschen Schlussfolgerungen führen könne. Sollten Patienten dann noch ihre Pillen je nach Messergebnis und Gutdünken schlucken, provozierten sie Blutdruckschwankungen. Auch nachts droht die Messfalle. "Wenn Sie aufwachen, eine volle Blase haben und dann messen", sagt Middeke, "ist der Blutdruck ebenfalls hoch."

Middeke rät, sechs Atemzüge langsam tief ein- und auszuatmen, wenn die Werte sehr hoch sind. Das sei die wirkungsvollste, schnellste und effektivste Form der Entspannung und führe zur raschen Blutdrucksenkung, wie die Nachmessung nach drei Minuten zeige. Auf jeden Fall sollten die Patienten ihre Medikamente gleichmäßig einnehmen.

Und es gibt noch mehr Quellen für Fehlinterpretationen. Die sogenannte maskierte Hypertonie ist mit einem erhöhten Gesundheitsrisiko verbunden und mindestens genauso häufig wie der vermeintlich hohe Druck in der Arztpraxis. Dabei sind die im Alltag gemessenen Werte zu hoch, während die Praxismessung normal ausfällt und der Hausarzt fälschlicherweise entwarnt.