Er sagt nix. Dazu sagt er jetzt überhaupt nix mehr, außer – des isch ja klar – dass das ein Wahnsinn ist. Es hat ja jeder gesehen. Einfach absurd. Unfassbar, ungeheuerlich, weit über der Grenze. Er sagt dazu nix. Er zuckt zweimal mit den Schultern und schüttelt den verstrubbelten Kopf. Es isch a Wahnsinn.

So gehen die allseits beliebten Wutreden, wahlweise auch Brandreden oder "Mega-Ausraster" (YouTube), sowie die sogenannten bewegenden Ansprachen des Freiburger Bundesligatrainers Christian Streich. Das TV Südbaden erfand den "Streich der Woche", die Badische Zeitung den "Streich-o-maten", alle freuen sich, wenn der studierte Metzgersohn (Germanistik!) mal wieder das Kind mit dem Badischen ausschüttet und in aller Ausführlichkeit nix sagen will. Streich spricht dann nichts sagend über die Fasnet-Tradition, über Eishockey, Uli Hoeneß oder Fremdenfeindlichkeit, hält eine natürlich besonders bewegende "Flüchtlingsansprache", die es im elektronischen Videoarchiv jetzt in der Kurz- und in der Langfassung gibt, und rechnet selbstredend mit den Medien ab. Recht so. Streich findet im Prinzip den Frieden gut, Hass eher schlecht, spricht sich für ein Grundrecht auf Emotionen auf deutschen Trainerbänken aus, und er weiß, dass "de Mammon", wie er alles Teuflische nennt, eine der größten Gefahren für die Menschen ist. Aber er sagt dazu nichts.

Es gehe nicht um ihn, das betont er oft, nicht um seinen Vorteil natürlich, nie um seiner Mannschaft willen regt er sich so auf. Streich – des isch ja klar – zetert und lärmt für eine bessere Welt. Und schlechter kann es ja nicht werden, wenn die Gerechtigkeit öfter mal über den SC Freiburg hereinbricht. Denn der arme, kleine Club aus dem Badischen mit seinem noch symbadischeren Trainer – da sind sich in der Bundesliga alle einig – steht bedingungslos für das Gute im Fußball. Auf die Frage, warum noch mal genau, sagen alle nix.

Vergangenen Samstag auf Schalke, als es einen zweifelhaften Elfmeter und einen rätselhaften Platzverweis gegen die Freiburger gab, hielt man unwillkürlich am unteren Bildrand schon Ausschau nach dem Warnenden mit dem weißen Haar, der immer noch erst 52 ist, dem Rufer und Deuter.

Und da stand er, weißglühend an der Seitenlinie, tief liegende Augen, fletschende Zähne, fuchtelte mit den Armen und schrie erkennbar wie am Spieß. Drei Mitarbeiter hinderten ihn mit aller Körperkraft, dem Schiedsrichter an den Kragen zu gehen. Für das Gerechtigkeitsempfinden Streichs wäre jetzt jede Art von Kapitalverbrechen bloß Notwehr gewesen. Weil, des isch ja a Wahnsinn, was ihm widerfährt.

Streich darf das. Bei allen anderen Trainern – das gilt für den unkontrollierten Roger Schmidt, den manchmal selbstgerechten Julian Nagelsmann und sogar für den impulsiven Jürgen Klopp, der ebenfalls von einem Sympathiebonus zehrt – hätten nun Kritiker einen Restbestand an Respekt und Anstand eingefordert. Oder wenigstens an die viel bemühte Vorbildfunktion der Fußballlehrer erinnert. Streich aber ist ja der, der immer mit bescheidenen Mitteln einen schönen Ball spielen lässt, obwohl – na ja – das für diese Saison ja auch nicht mehr gilt, wie er selbst eingestanden hat. Streich ist schließlich der, dem sie immer die besten Spieler wegkaufen, obwohl – na ja – das anderen inzwischen auch passiert, sogar Borussia Dortmund. Aber Streich führte sein Außenseiterteam in den Europacup, obwohl das auch lange her ist. Und er ist der, der nie absteigt, obwohl das auch nicht ganz stimmt.

Aber Streich ist Streich und darf deshalb Streich sein. Das ist der Wahnsinn.