Schuld ist vor allem die Flüchtlingskrise. Nachdem sich in Europa jahrzehntelang nur die Briten und Franzosen ernsthaft für Afrika interessierten, denkt man heute auch in Deutschland intensiv über die Weiterentwicklung des Nachbarkontinents nach. Gemeinsam mit den Franzosen hat Angela Merkel angekündigt, mehr als 1,6 Milliarden Euro in die Sicherheit der Sahelzone gleich südlich der Sahara zu investieren. Außerdem gibt es den Marshallplan für Afrika. Auch die Münchner Sicherheitskonferenz hatte Afrika dieses Jahr zum Thema, und verschiedene Minister in Berlin wollen dem Kontinent politisch endlich Gewicht verschaffen.

Gut so weit. Bloß hapert es gewaltig an der Verknüpfung der unterschiedlichen Initiativen.

Dabei ist Afrika den Versuch wirklich wert: Bis 2050 wird sich die Bevölkerung des Kontinents auf voraussichtlich 2,5 Milliarden Menschen verdoppeln. Schon heute träumen Millionen junge Afrikaner von einem Leben in Europa, weil sie dort vom Alltag –egal wie schlecht er sich auch entwickelt – mehr erwarten als zu Hause. Zwar liegen acht der zehn am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften der Welt in Afrika, und für viele Bewohner hat sich die Lage in den vergangenen 15 Jahren verbessert. Aber weiterhin dominieren Armut, Krankheit, Hunger und politische Instabilität die Region.

In Afrika schwelen die meisten Konflikte der Welt. Ethnische und religiöse Auseinandersetzungen lösen sie ebenso aus wie politische Verantwortungslosigkeit. So führen Konflikte um Öl, Wasser oder Zugang zum Meer, gepaart mit Hungersnot und Armut, immer wieder zu Krieg und Flucht beispielsweise im Sahel. Terrororganisationen wie Al-Shabaab, Boko Haram oder Al-Kaida profitieren vom Chaos.

Es liegt im europäischen Interesse, Afrika zu befrieden und dafür zu sorgen, dass möglichst viele Menschen etwas vom Wirtschaftswachstum haben. Nur so kann der eigentlich so chancenreiche Kontinent gedeihen, nur so lässt sich der Migrationsdruck in Richtung Europa senken.

Natürlich hat sich der Westen schon bisher eingesetzt – aber mit mäßigem Erfolg. Zu sehr wurde der Kontinent als Ganzes gesehen, statt dass man seine ethnische und soziale Vielfalt und Vielzahl der Staaten verstanden hat. Auch deutsche Politiker müssen schon genau hinschauen.

Was genau will Deutschland in Afrika erreichen, und welche Mittel werden dazu benötigt? Solche Fragen sind präzise zu beantworten, bevor Geld ausgegeben wird. Und dann gilt es für die verschiedenen Akteure zusammenzuarbeiten. Doch allein sechs Bundesministerien verfolgen eine jeweils eigene Strategie, vielfach um Investitionen zu unterstützen und schnell Jobs zu schaffen. Für Politiker, die in Berlin sitzen, mag das gut klingen, aber wie kann es so zu nachhaltigen Erfolgen kommen, wenn die Kinder- und Müttersterblichkeit hoch ist und nur wenige Afrikaner eine gute Schulbildung erhalten? Menschen, die nicht lesen und schreiben können, haben in der wirtschaftlichen Entwicklung des 21. Jahrhunderts wenig Platz.

Die deutsche Außenpolitik wird von vielen Organisationen unterstützt. Die Stiftung Wissenschaft und Politik etwa berät Bundestag und Bundesregierung, die Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik denkt und forscht mit, ebenso zum Beispiel der German Marshall Fund, die Robert-Bosch-Stiftung sowie die Stiftung Mercator.

Von diesen höchst verdienstvollen Organisationen haben einige tatsächlich Afrika-Experten, aber nur in kleiner Zahl, weil der Kontinent bei ihnen bisher keine Hauptrolle spielte. Die deutsche Afrika-Expertise sitzt nicht in den genannten und weithin bekannten Organisationen, sondern eher am Giga Institut für Afrika-Studien oder an der Universität Bayreuth. Besonders kenntnisreich sind die deutschen NGOs, die Entwicklungsprojekte auf dem Kontinent betreiben. Sie könnten mit ihrer Erfahrung dabei helfen, eine gezielte, einheitliche Afrika-Strategie zu entwickeln. Bisher werden sie aber nur sporadisch eingesetzt, und es bleibt ein Geheimnis der Berliner Politikbetriebe, wer wirklich zu Rate gezogen wird, wenn in Deutschland ein Afrika-Gipfel ansteht oder eine Afrika-Strategie entwickelt wird.

Die neue Bundesregierung hat also viel zu tun. Das Land benötigt eine übergreifende Afrika-Debatte, die nicht nur in den Silos der Entwicklungs-, Außen- oder Wirtschaftspolitik stattfindet, sondern alle kenntnisreichen Akteure zusammenbringt. Das vorhandene Wissen muss gebündelt und ausgebaut werden.

Zwei unterschiedliche Herangehensweisen bieten sich an: Entweder Berlin schafft ein neues Institut dafür. Oder es bezahlt eine bereits existierende Institution dafür, mehr Wissen über Afrika zu schaffen und die hiesigen Experten regelmäßig zu den wichtigsten politischen Problemen zusammenzubringen. Dabei müssen neben NGOs auch Unternehmen einbezogen werden, die in Afrika tätig sind; auch ihre Erkenntnisse fehlen bislang in Berlin.

Deutschland ist das zweitgrößte Geberland in der globalen Entwicklungszusammenarbeit. Afrika rückt in den Mittelpunkt dieses Engagements. Neben all den großen Treffen zu transatlantischen Beziehungen oder zu China braucht es auch prominente Expertenrunden für den gebeutelten Nachbarkontinent im Süden – und eine Strategie.