Früher war Andreas Weigend der oberste Datenforscher von Amazon und half dem Unternehmen beim Aufstieg zum weltgrößten Online-Kaufhaus. Heute lebt der Computermann aus Deutschland in San Francisco, gibt Seminare, schreibt Bücher, berät Konzerne – und befasst sich mit dem aktuellen Datenskandal.

Lakonisch sagt er: "Facebook ist nicht Google, es hat nicht die gleiche Qualität der Mitarbeiter." Weigend fürchtet gar, Facebook könnte den eigenen Leuten "über den Kopf wachsen". Natürlich gelte das nicht für jeden Einzelnen, aber das Netzwerk habe nicht genug Programmierstars, die sich mit den besten Hackern und Digitalterroristen der Welt messen könnten. Das lasse sich auch nicht einfach so ändern, weil es eine Frage der Kultur sei, sagt Weigend und fährt fort: "Ich habe bei Google noch niemanden getroffen, den ich nicht respektiere." Über Facebook sagt er das nicht.

So ähnlich meint es wohl der Apple-Chef Tim Cook, wenn er über Zuckerbergs Problem sagt: "Ich wäre nicht in dieser Situation" und nahelegt, dass Apple zu klug war, um den Nutzer selbst samt seiner Daten zum Produkt zu machen.

Facebook, das über dem Skandal fast 100 Milliarden Dollar Börsenwert einbüßte, kriegt es von allen Seiten ab. Das soziale Netzwerk steckt im schwersten Skandal seiner knapp 14-jährigen Geschichte. Persönliche Daten von geschätzt 50 Millionen Nutzern gerieten in die Hände der Analysefirma Cambridge Analytica, die Donald Trump im Wahlkampf half. Und Facebook versuchte die Sache unter den Teppich zu kehren. Jetzt ermitteln Kontrollbehörden in Amerika und Großbritannien, Parlamentarier von Washington über Brüssel bis London wollen den Gründer Mark Zuckerberg vor Ausschüsse zitieren.

Das Netzwerk steht in beiden großen Internetdebatten als Hauptangeklagter da: Fake-News zersetzen die Demokratie, Datenskandale das Vertrauen. Und die große, noch weit über Facebook hinausgehende Frage lautet: Wer kontrolliert die Daten und ihren Gebrauch?

Für das soziale Netzwerk gibt es wenigstens Trost. Gespendet wird er zum einen von Fällen wie BP oder VW. Tankende Kunden haben schnell vergessen, dass der Ölkonzern mit dem Deepwater-Horizon-Desaster für einen riesigen Umweltfrevel verantwortlich war, und trotz der Dieselaffäre verkaufte der deutsche Hersteller im Jahr 2017 mehr Autos als je zuvor. Außerdem hat Zuckerberg Glück, dass es Facebook bereits erwischt hat. Ab Mai müsste er noch Europas neue Datenschutzgrundverordnung fürchten. Wer dann seine Nutzer nicht vor Datenmissbrauch schützt oder den gar verschweigt, dem drohen Strafen bis zu vier Prozent des vergangenen Jahresumsatzes. Bei Facebook wären das gut 1,6 Milliarden Dollar – kein Desaster für ein reiches Unternehmen, aber unangenehm.

Die Zeiten werden härter, wie auch Mark Zuckerberg selbst zugibt. Facebook wieder hinzubiegen werde Jahre dauern, sagte der Gründer gerade. Für das Unternehmen aus Menlo Park beginnt eine neue und deutlich schwierigere Ära als bisher.

Labor für demokratische Prozesse der Zukunft

Schon öfter musste Zuckerberg auf harsche Kritik reagieren, doch die Antworten hielten nicht lange. Erstmals ging der Gründer vor gut einem Jahr auf die veränderte Stimmung ein. Trump war Präsident geworden, und die führenden Leute im Silicon Valley spürten, dass sich etwas gegen sie zusammenbraute. Sie galten als Teil des elitär-liberalen Establishments, das Trumpisten ablehnen, und gleichzeitig dienten sie ihnen als Megafon. Man müsse den neuen Zorn und die neuen Ängste, die sich in den Wahlen zeigten, ernst nehmen, sagte der Google-Mitgründer Sergey Brin damals beim World Economic Forum in Davos.

Lange dachte Zuckerberg, es reiche, wenn die Menschen ihre Erlebnisse und Ansichten mit jedem auf der Welt teilen könnten. Nun genüge das nicht mehr, erklärte er. Facebook müsse helfen, echte Gemeinschaften zu bauen, es solle zu einem Labor für demokratische Prozesse der Zukunft werden.

Große Worte, bloß um Daten, das Lebenselixier der Digitalwirtschaft, ging es kaum. Auch nicht Anfang dieses Jahres, als Zuckerberg nachlegen musste. Der Fake-News-Skandal erreichte einen Höhepunkt, Politiker und Medien wandten sich gegen Facebook, und das im heimischen Amerika. Zuckerbergs Antwort war: "Fix Facebook." Machen wir Facebook wieder ganz.

Der Gründer will weniger News anbieten und sich auf das Erleben der Nutzer im sozialen Netzwerk besinnen. Und wenn die User dann weniger Zeit auf Facebook verbrächten, sei das auch okay, so Zuckerberg. Das war für eine Firma, die davon lebt, dass ihre Nutzer als Ziel bezahlter Werbung viel Zeit mit ihrem Angebot verbringen, schon ein kleiner Tabubruch.

Im neuesten Sturm kommt Zuckerberg mit solchen Kurskorrekturen nicht davon. Seine Entschuldigung scheint die Kritik nur anzufachen, seine Ankündigung, durch strengere Regeln für die Datensammler und mehr Transparenz für die User den Missbrauch ihrer Daten zu verhindern, verhallt. Nun kündigt er einen großen Umbau an.

So lange wie möglich hat das Silicon Valley das Kernproblem ignoriert: Wer profitiert wie von den Daten? Das scheint nicht mehr zu gehen.

Es sind die Menschen, die durch ihre Person und ihr Verhalten überhaupt erst nutzbare Daten schaffen. Tippen sie morgens zum ersten Mal aufs Smartphone, beginnt die Produktion. Die Menschen erzeugen Daten, wenn sie Auto fahren, Geld abheben, per Kreditkarte bezahlen oder Erspartes übers Internet anlegen. Wenn sie eine elektronische Zeitung lesen oder die Wetter-App aufrufen. Ganz egal.

Die Maschine muss laufen

Der Rohstoff speist dann bei Facebook und Amazon, Google oder auch Apple die Algorithmen, die sich durch sogenanntes Maschinenlernen fast automatisch weiter verbessern. Es kommt zu einer einzigartigen Verbindung zwischen Anbieter und Nutzer. Der Erste kann nicht ohne die Daten des Zweiten. Der aber bekommt nur auf ihn zugeschnittene Angebote, wenn er seine Daten preisgibt. Das Ergebnis erinnerte bisher ans Glücksspiel: Am Ende gewinnt immer das Casino. Die allermeisten Menschen steigen nicht groß ein in die Nutzungsregeln der Konzerne, die den Schatz dann in ihren Silos sammeln und für sich und die Werbetreibenden nutzen.

Die Frage ist, ob diese Phase der willigen Ausbeutung nun vorbeigeht. Ohne Druck und Krise werden die Digitalfirmen sie jedenfalls nicht beenden.

Mountain View, Kalifornien. Ein paar Meilen südlich der Facebook-Zentrale sind Google und seine Holding Alphabet auf einem riesigen Campus zu Hause. Selbstfahrende Google-Autos kurven langsam über die angrenzenden Straßen. Auf den Plätzen zwischen den einladenden Gebäuden ist eine Mischung aus Kunst und Spielplatz aufgebaut. Programmierer holen sich das Essen ihrer Wahl und diskutieren angeregt auf Lounge-Stühlen. Aber wenn sie wieder reingehen, dann sind sie Krieger. Hinter der Fassade tobt der Wettbewerb um das beste Angebot und das größte Werbewachstum.

Die Maschine muss laufen, es ist ein täglicher Kampf um die richtigen Code-Zeilen. Gegen die Zeit und gegen die Konkurrenz. Geführt von den "best and brightest", den Besten und Klügsten ihrer Generation, die früher Investmentbanker geworden wären. Da bleibt wenig Raum, um das so erfolgreiche Geschäftsmodell infrage zu stellen.

Facebooks Krise kann sich als Segen erweisen, wenn die Nutzer jetzt zu souveränen Verwaltern und Verwertern ihrer Daten werden können. In einer solchen Datenwelt hätten sie nicht nur theoretisch die Kontrolle, sondern auch praktisch und alltäglich. Sie dürften bestimmen, ob ihre Daten unmittelbar an andere Netzanbieter gehen, könnten sie ohne großen Aufwand löschen, korrigieren und verfügen, was eine Plattform wirklich mit ihnen anstellen darf.

Es wäre eine Welt, wie sie Andreas Weigend vorschwebt. Er will nicht, dass die Konzerne am Ende vom Staat zerschlagen werden und ihre Innovationskraft verlieren. Besser, sie geben den Nutzern Hilfe zur Selbsthilfe. Dafür sei die Kombination des Facebook-Skandals und des neuen EU-Gesetzes eine Gelegenheit, findet der Experte – und richtet einen Appell an alle ZEIT- Leser, das Gesetz ab Ende Mai zu nutzen und sich von Facebook seine dortigen Daten herauslesen zu lassen.

Was wissen die über uns? Die Frage könnte tatsächlich der Anfang eines neuen Nachdenkens über Daten sein. Wie bitter nötig das wäre, hat die Stanford-Ökonomin Susan Athey in einem Experiment gezeigt. Gegen eine Pizza als Belohnung gaben viele Leute die Mail-Daten ihres Freundeskreises weiter.

Zeit der Unschuld ist zu Ende

Wer hätte gedacht, dass eine neue Verordnung der EU einmal als Hoffnung gelten würde? Soweit sich Weigend erinnert, "schaut das Silicon Valley zum ersten Mal neugierig nach Europa und erhofft sich einen Blick in die Zukunft". Der blinde Fortschrittsglaube weiche der Suche nach Datenregeln für alle.

Die gelten dann auch für Unternehmen jenseits des Valleys. Gerade wurde offenbar, dass die Deutsche Post die Analysen ihrer Nutzerdaten politischen Parteien verkauft. Ganz legal und ohne Namensnennung, wie es bisher scheint – aber ob die Kunden einverstanden sind, ist eine offene Frage.

Der österreichische Oxford-Professor Viktor Mayer-Schönberger beklagt, dass es in der Datenfrage nur um Digitalkonzerne gehe. Auch klassische Firmen würde Daten abgreifen, und zwar ohne dafür einen Service zu bieten. Selbst erfahren hat er das bei BMW. Da sammle die Werkstatt viele Daten ein, und ein Navi-Update koste trotzdem Geld. "Wo bleibt die Gegenleistung?", fragt der Big-Data-Forscher.

Für Datenhamster ist die Zeit der Unschuld zu Ende gegangen. Sie scheint eine Ewigkeit her zu sein, dabei sind es nur 16 Monate. Der Google-Chef Sundar Pichai war auf dem deutschen IT-Gipfel in Saarbrücken und lud zum Einzelgespräch. Anders als so mancher Digitalchef tobte er nicht, war weder skurril noch aggressiv. Gleichwohl passte Pichai ins Bild, weil er mit aller Kraft den Glauben an die lebensverbessernde Kraft der Technologie verteidigte.

"Ich wollte schon immer etwas für eine große Menge Menschen tun", sagte er. Künstliche Intelligenz werde jetzt Wirklichkeit, und das "macht mich höchst optimistisch. Wir können diese Systeme so verbessern, dass sie wirklich eine Idee von Nutzerzufriedenheit entwickeln." Er sah auch keinen Grund, ein Google-Monopol zu fürchten: "Die Innovationsmaschine auf der Welt ist so stark, dass jedes einzelne Unternehmen nur ein sehr kleiner Teil davon ist. Davon bin ich zutiefst überzeugt."

Damals drückte Sundar Pichai noch einmal die Philosophie des Valleys aus, wie sie sich in der Phase der Unschuld entwickelt hatte. Diese Zeit lief gerade ab, und Facebook besiegelt ihr Ende.

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