Das österreichische Außenministerium am Wiener Minoritenplatz fristet seit Langem das Dasein eines ungeliebten Stiefkinds der Politik. Für die beiden vergangenen Ressortchefs war das Amt bestenfalls ein Durchlauferhitzer: Michael Spindelegger sah es als Zwischenstopp auf seinem Weg ins Finanzministerium. Und Sebastian Kurz nutzte die Funktion, um sich in der Migrationsfrage als harter Macher zu profilieren und die Übernahme von Partei und Regierung vorzubereiten. Große Initiativen, kreative Vorstöße und neue Ideen, wie sich die Außenpolitik eines Kleinstaates innerhalb der Europäischen Union positionieren könnte, fehlten.

Vergangene Woche hat Österreichs Außenpolitik wieder für Unmut gesorgt. Als Reaktion auf das Giftattentat auf den ehemaligen Doppelagenten Sergej Skripal und seine Tochter in Großbritannien trug man zwar die Erklärung des Europäischen Rates mit, den EU-Botschafter aus Moskau abzuziehen. An der Aktion vieler EU-Staaten, russische Diplomaten auszuweisen, werde man sich aber nicht beteiligen, verkündeten Bundeskanzler Sebastian Kurz und Außenministerin Karin Kneissl. Die Begründung: Man wolle Gesprächskanäle offenhalten und könne Mediator sein. Schließlich sei Österreich neutral. Die Entscheidung stieß auf heftige Kritik. In Berlin und anderen westlichen Metropolen lautete die reflexartige Reaktion: Die Regierung befinde sich in der Geiselhaft der freiheitlichen Putinfreunde und unterlaufe die europäische Solidarität.

Auch in den eigenen Reihen ließ der Ärger nicht lange auf sich warten: "Österreich hat in der Verfassung klargestellt, dass es in der EU nicht neutral, sondern solidarisch ist. Neutralität ist für Österreich kein Argument! Sorry!", twitterte Othmar Karas, EU-Abgeordneter der ÖVP.

Vielleicht steckt aber hinter der Haltung doch mehr Strategie, als es den Anschein hat.

Wolfgang Petritsch ist seit Jahrzehnten Diplomat und wählt seine Worte für gewöhnlich mit Bedacht. Er war Sekretär von Bruno Kreisky, österreichischer Botschafter in Serbien, EU-Sonderbeauftragter für das Kosovo und Hoher Repräsentant für Bosnien und Herzegowina. Den Abzug der österreichischen UN-Soldaten vom Golan im Jahr 2013 sah er als "die völlige Aufgabe der Außenpolitik Österreichs". Viel milder ist das Urteil fünf Jahre später nicht geworden, auch wenn die neue Ministerin Karin Kneissl einen respektablen Job mache. "Das erste Mal seit Langem ist das Amt fachlich gut besetzt, es werden Schwerpunkte gesetzt, und man versucht, eine inhaltliche Politik zu betreiben", sagt Petritsch. Mit ihrer Türkeiinitiative, dem Versuch, das Gesprächsklima mit Ankara zu verbessern, habe Kneissl ihren Vorgänger regelrecht blamiert. "Aber klarerweise ist sie auch eine Gefangene ihrer russlandfreundlichen Partei."

Die österreichische Außenpolitik sei noch nicht in der EU angekommen, sagt Petritsch. "Sich als Vermittler aufzuspielen ist nicht mehr als eine Schlagzeile, das ist nur noch peinlich", meint der Diplomat. "Bei den Irangesprächen in Wien war Sebastian Kurz auch nur ein besserer Frühstücksdirektor. Es wird halt für den Boulevard Außenpolitik vorgetäuscht, die den Namen Politik aber überhaupt nicht verdient."

"Die Neutralität hat sich überlebt", sagt eine frühere Botschafterin

Auch anderen Spitzendiplomaten ist die Entscheidung ein Rätsel. "Natürlich kann man sich fragen, ob die Ausweisung von Diplomaten ein geeignetes Instrument ist, um Putin zu beeindrucken", sagt Franz Cede, früherer Botschafter in Moskau. "Aber ich hätte angenommen, dass Österreich aus Solidarität bei der Entscheidung, Diplomaten auszuweisen, mitgeht. Eine Brückenbauerfunktion haben wir nicht mehr, wir sind kein neutrales Zwischenland mehr, wir sind mittendrin." Wer davon träume, habe den Paradigmenwechsel in der internationalen Politik nach dem Kalten Krieg versäumt. "Früher konnte Kreisky durch die Weltgeschichte reisen und eine eigene, unabhängige Außenpolitik betreiben, das geht heute nicht mehr."

Der Kollateralschaden? "Moskau sieht, dass eine gemeinsame Politik in der EU, wenn es hart auf hart kommt, nicht funktioniert", sagt Cede.