Grüß Gott, liebe Leser der ZEIT,

seit meiner Himmelfahrt vor zweitausend Jahren fahre ich eigentlich gut damit, dass ich mich aus irdischen Dingen raushalte. Wir haben da so eine Arbeitsteilung, die mir zusagt: Manches regelt mein Vater, manches der Heilige Geist. Ich hingegen halte mich dermaßen raus, dass die Menschen auf der Erde regelmäßig folgende Fragen googeln: "Wo wohnt Jesus?", "Wo ist Jesus jetzt?", "Wann kommt Jesus zurück auf die Erde?" Und, meine absolute Lieblingsfrage: "Wie alt ist Jesus heute?" Ich weiß es nicht genau, Leute. Ich kann nur sagen, dass ich mich sehr gut gehalten habe.

Hier, wo ich jetzt bin, haben wir inzwischen Internet (endlich!) und eine Auswahl der weltweit besten Zeitungen. Unter anderem die ZEIT. Letzte Woche machte mich mein Vater auf einen Text aufmerksam, der sich in Briefform an mich richtete, in der Oster-Ausgabe der ZEIT (ja, auch mein Vater schneidet manchmal Zeitungstexte aus und schickt sie mir).

Ich drücke mich mal zurückhaltend aus: Das war ein wirklich dämlicher, ein komplett überflüssiger Text. Vater meinte, als er mitbekam, wie wütend ich war, was wirklich untypisch ist für mich: "Mein Sohn, ärgere dich nicht, das ist eben irdisch." Aber das ist nicht irdisch. Das ist unterirdisch! Der Autor, um das grob zusammenzufassen, kritisiert mich in diesem Brief für meine Passivität bei der Kreuzigung. Und er fragt mich, warum ich die Römer nicht verprügelt habe wie Obelix. Ach, Mensch. Was versteht ihr überhaupt?

Erstens: Ich finde es abenteuerlich, mich mit einer fiktiven Comicfigur zu vergleichen, die als Kind in einen Zaubertrank gefallen sein soll und seitdem Superkräfte hat. In den Zaubertrank! Wer glaubt denn so was? Und zweitens: Wie schwer von Begriff muss man sein, um nicht zu verstehen, dass meine Kreuzigung einen Sinn hatte? Alles war exakt so geplant (Judas war es übrigens extrem unangenehm, die Rolle des Verräters übernehmen zu müssen).

Was wäre das denn bitte schön für eine Story, wenn ich damals das Kreuz gepackt hätte und damit brüllend auf die Römer losgegangen wäre? Das dann als christlicher Gründungsmythos? Ganz toll. Hätte sich sicher durchgesetzt: Unser Messias hat für unsere Sünden ein paar Römer verprügelt!

Im Glaubensbekenntnis hieße es heute: "Ich glaube an Jesus Christus, geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus, dann aber nicht gekreuzigt und nicht gestorben, weil er sehr, sehr stark war. Amen." In den Kirchen würden statt Kruzifixen hölzerne Actionfiguren hängen. Ganz ehrlich: So was sind doch die Sehnsüchte eines Halbstarken, Männerfantasien. Lieber Felix, ruf halt Sylvester Stallone an, und gründe deine eigene Religion!

Allen anderen schicke ich friedliche und gesegnete Grüße. Bitte bleiben Sie uns gewogen, auf ganz bald,

Ihr Jesus Christus