"Wie kann man Ihnen helfen?" fragten wir Sie vor einiger Zeit. Und riefen Sie dazu auf, sich mit Problemen an uns zu wenden, die sich im weitesten Sinne mit Design lösen lassen. "Haben Sie eine enge Küche? Ein zu biederes Vereinsheim? Chaos in der Garage?" Zusammen mit Design-Studenten der Hochschule für bildende Künste in Hamburg gründeten wir die Z-Werkstatt. Für die jungen Designer unserer Werkstatt gilt: Design ist mehr als Eames Chair oder Barcelona-Sessel. Design verhandelt die große Frage, wie wir leben und zusammenleben wollen. Mehr als 150 Leserinnen und Leser haben sich an uns gewandt, mit detaillierten Problembeschreibungen, Fotos und kleinen Exposés. Von diesen Projekten haben wir eine Handvoll ausgewählt. In loser Serie haben wir Ihnen präsentiert, was daraus geworden ist. Hier lesen Sie die letzte Folge.

Das Problem

Auf einem Hügel am Rande der Lübecker Innenstadt liegt sie, die Unterkunft. Nur ein schmaler Weg führt hoch zu dem Backsteinbau, der alten Lübecker Seefahrtsschule. Im Juli 2016, als die Design-Studenten zur Hilfe gerufen werden, leben hier noch 60 Männer, Asylbewerber, zwischen 18 und 64 Jahre alt, aus Syrien, Afghanistan und Eritrea, aus Russland und dem Jemen, aus Albanien und der Türkei.

Sie wohnen in Vier- bis Achtbettzimmern, Doppelstockbetten, quietschendes Metall, Industrieleuchten, die Räume kaum größer als zwanzig Quadratmeter. Im Erdgeschoss die Gemeinschaftsküche, ohne Tisch oder Stühle, auf den Fluren riecht es, wie es eben riecht, wenn 60 erwachsene Männer in ein jahrhundertealtes Haus ziehen. Eine steile, schmale Treppe führt in den Keller: versiffte Toiletten, ein verschimmelter Duschraum. An den Waschbecken hängen Hygienetipps. Es ist ein Ort, an den man jeden einladen möchte, der findet, Asylbewerbern gehe es in Deutschland zu gut.

In den Zimmern haben sich die Bewohner so gut es geht eingerichtet. Mal hängt ein Ronaldo-Trikot an der Wand, mal ein Filmposter mit Scream- Maske, eben das, worauf man sich einigen kann. Schließlich leben hier Menschen sehr dicht zusammen, die sich in ihrem Leben vorher noch nie begegnet sind. Aus unterschiedlichen Ländern, unterschiedlichen Kulturen, unterschiedlichen Generationen. Manche teilen sich zwar ein Zimmer, reden aber nicht miteinander, andere kennen noch nicht einmal den Namen des Bettnachbarn. Als Blickschutz haben einige der Bewohner, die unten liegen im Doppelstockbett, ein Tuch an das Bettgestell gehängt. Sie haben eine Illusion von Privatsphäre geschaffen in einem Haus ohne Rückzugsmöglichkeiten. Wie ließe sich die Situation im Schlafsaal verbessern?

Eine Kirchengemeinde aus der Nähe hat sich zu einer Art Patenschaft entschlossen, sie kümmert sich um die Asylbewerber in der Seefahrtsschule. Eines der Gemeindemitglieder wandte sich per Mail an die Z-Werkstatt.

Die Lösung

Bei einem ersten Besuch in der Unterkunft sprechen die Design-Studenten mit dem Heimleiter, Flüchtlingshelfern und einem Bewohner. Es soll abgestimmt werden, wie das Problem mit den Betten am besten angegangen werden kann. Doch nach einem Rundgang durchs Haus sind sich die Studenten nicht mehr sicher, ob die Privatsphäre in den Schlafsälen das einzige Problem in dieser Unterkunft ist.

Sie erfahren, dass die 60 Männer morgens nacheinander duschen, da es im Waschraum zwar überall Schimmel gibt, aber keine Trennwände zwischen den vier Duschköpfen. Sie sehen, dass es im einzigen Gemeinschaftsraum, der Küche, keine Sitzmöglichkeiten gibt und keinen Tisch. Und dass sich nirgends ein Ort findet, an dem man seine Ruhe hat, um zu lesen oder zu lernen. Es gibt mehrere Anforderungen an die Lösung: Sie muss preiswert sein, funktional und einfach. Die Bewohner sollen sie selbst an einem Tag herstellen können. Für die Design-Studenten ist das besonders wichtig: dass sie nicht alles vorgeben, sondern den Flüchtlingen nur dabei helfen, sich selbst zu helfen. "Das Ziel heißt Selbstermächtigung", sagt die Designerin Ronja Ophelia Hasselbach.

Als Sichtschutz arbeitet das Designer-Team an einem Gestell, das sowohl oben als auch unten in das Doppelstockbett passen soll. Außerdem soll es flexibel sein, um bei Bewegungen mit dem Metallgestell des Doppelstockbetts mitzuschwingen. Die Studenten fügen Holzlatten mit Kabelbindern zu einem Gerüst zusammen, das später auf das Bett gestellt und wiederum mit Kabelbindern daran befestigt werden soll. An mehreren Ösen, die an der oberen Leiste angebracht werden, soll schließlich wie bei einem Theatervorhang ein Baumwolltuch gespannt werden.