An einem Samstagabend im März steht Prälat Edward Nowakowski in der mächtigen Kathedrale von Warschau, hebt die Arme und beschwört die Nation: "Wir pflegen unser polnisches Staatsverständnis, wir pflegen das historische Gedächtnis, wir schützen den guten Namen unseres Vaterlandes und unsere polnische Ehre." Das Kirchenschiff vor ihm ist übervoll, viele junge Menschen sind gekommen, einige knien sogar draußen, auf dem kalten Pflaster der Warschauer Altstadt. Hinter dem Altar, in Nowakowskis Rücken, sitzen zwei Dutzend Geistliche, umrahmt von Fahnen und Fahnenträgern mit weiß-roten Schärpen. Zu seiner Rechten, im Chorgestühl: der polnische Ministerpräsident, sein Stellvertreter, mehrere Minister. Und Jarosław Kaczyński, der Vorsitzende der Regierungspartei Recht und Gerechtigkeit (PiS), der mächtigste Mann des Landes, in der Kirche mit Applaus begrüßt.

"Erinnere dich, dass jeder auf die Welt kommt als Mensch und als Pole", zitiert der Prälat einen berühmten Dichter. "Und dass das zwei heilige Dinge sind, mit den Worten des Apostels: der wunderschöne Geist des Menschen in der heißen polnischen Brust."

Es ist ein Ritual, ein national aufgeladenes Hochamt, zu dem sich die Leute hier versammeln, wie an jedem Zehnten eines Monats, seit acht Jahren, an diesem Samstag zum 95. Mal. Kirchgang, Prozession zum Präsidentenpalais, weiße und rote Rosen, die Nationalhymne scheppert vom Band. Beten und Gedenken, Ehre und Vaterland, die Choreografie ist sorgfältig einstudiert.

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Acht Jahre sind vergangen, seit am 10. April 2010 morgens um 8.41 Uhr polnischer Zeit im westrussischen Smolensk eine Tupolew Tu-154 abstürzte, die in Warschau gestartet war. 96 Menschen starben, die "Blüte der polnischen Nation", hieß es. Unter den Opfern waren: der Präsident der polnischen Zentralbank, die Fraktionsvorsitzenden der beiden großen Parteien, mehrere Generäle, Senatoren, der stellvertretende Außenminister. Und Lech Kaczyński, der Präsident der Republik, mit seiner Frau Maria. Jarosławs Bruder.

Der 10. April 2010 ist ein Scheidepunkt der jüngeren polnischen Geschichte. Ein jeder erinnert sich, wo er war, als er die Nachricht hörte. Smolensk ist für viele Polen, was die Ermordung John F. Kennedys für die USA ist. Es gibt ein Vorher und ein Nachher, und vieles, was seither in Polen geschehen ist, lässt sich ohne Smolensk nicht erklären. Denn was als nationale Tragödie begann, ist mit den Jahren zu einem Glaubenskampf geworden, der das Land tief gespalten hat. Die polnische Rechte hat aus dem Absturz einen nationalen Mythos geformt; ohne ihn würde die PiS heute möglicherweise nicht regieren. Und um ihn lebendig zu halten, versammeln sich Jarosław Kaczyński und seine Gemeinde einmal im Monat in der Kirche und vor dem Präsidentenpalast.

Zu dem Mythos gehört ein sorgfältig gehegter Zweifel, die Frage, was in Smolensk tatsächlich geschah. War es eine Tragödie, eine Katastrophe? Oder war es doch – kein Unfall? "Wir müssen die Wahrheit anfordern", mahnt der Prälat in seiner Predigt. "Es ist die Pflicht, bei der Wahrheit zu bleiben, auch wenn sie vieles kosten sollte. Für die Wahrheit zahlt man, nur die Spreu kostet nichts."

Auch Piotr Walentynowicz ist zum samstäglichen Gedenken nach Warschau gekommen, auf dem Weg zum Präsidentenpalast zündet er sich eine Zigarette an. Eigentlich wohnt er in Danzig, in der Wohnung seiner verstorbenen Großmutter. Doch wann immer er Zeit hat, kommt er hierher.

Den Namen seiner Großmutter kennt in Polen fast jeder: Anna Walentynowicz arbeitete auf der Danziger Leninwerft, im Sommer 1980 zettelte sie den Streik mit an, der zur Gründung der Gewerkschaftsbewegung Solidarność führte und folglich zum Sturz des Kommunismus. Eine Ikone des Widerstands, Völker Schlöndorff hat ihr in dem Film Strajk – Die Heldin von Danzig ein Denkmal gesetzt. Auch Anna Walentynowicz starb in Smolensk.

Er sei gerade in einem Autohaus gewesen, erinnert sich Piotr Walentynowicz, als seine Schwiegermutter anrief: Hast du gehört, das Flugzeug des Präsidenten ist abgestürzt! Er wählte die Handynummer seiner Großmutter, einmal, zweimal, immer wieder. "Es klingelte, aber niemand ging ran." Am Abend hatte er Gewissheit: Die Großmutter hatte ihr Handy vor dem Abflug in Warschau im Hotel gelassen.