Im Grunde geht es um ein Menschenbild, das quer zu dem der üblichen Soziologie steht. Es geht um Freiheit. Freiheit war immer ein Grundproblem der Soziologie. Ein Freiheitsenthusiast wird nicht Soziologe. Und wem soziologische Texte auf die Stimmung schlagen, der wird den Menschen eher für fähig halten, anders zu handeln, als es sein Milieu, seine unmittelbaren Triebe, Egoismen und andere Bedingtheiten und Verwerflichkeiten nahelegen. "Vor Unwürdigem kann dich der Wille, der ernste, bewahren" (Schiller). Dass das möglich ist, heißt nicht, dass es leicht ist. Es ist eben nicht Freiheitsrealismus, sondern Freiheitsidealismus. Und die mögliche Selbstbefreiung zum überraschenden Handeln ist auch die mögliche staatsbürgerliche Selbstbefreiung zu einem politischen Urteil unabhängig von Milieu und Klassenstandpunkt.

Das lässt sich noch weiter plausibel machen an einem Beispiel der deprimierenden soziologischen Rückbindung politischer Einstellungen ans Ökonomische, das mir in den vergangenen Wochen auffiel.

Stephan Lessenich wies in seinem Essay zunächst zu Recht darauf hin, dass es nicht der Aufstand der Abgehängten, der Prekären und Strukturwandel-Opfer ist, der sich hierzulande in Merkel-Kritik und in Wahlentscheidungen für die AfD äußert. Der Blick nach Amerika und auf die Trump-Wähler hilft in der Tat für die deutsche Diagnose nicht. Doch Lessenich blickte dann nur etwas höher in die soziale Schichtung und schob eine strukturell gleich gelagerte Erklärung nach. Es sei der Klassenegoismus einer in Zeiten von Globalisierung und Massenmigration um ihre ökonomische Stellung fürchtenden privilegierten Mitte der Gesellschaft, der viele unappetitlich wählen lasse.

Haben die Deutschen Angst vor der Globalisierung? © Daniel Rupp

Aber Ökonomie und Klasseninteressen leuchten als bestimmende Faktoren hier nicht ein. In Deutschland soll Globalisierungsangst herrschen? Es geht doch tatsächlich so vielen wie noch nie so gut wie noch nie. Umfragen zur Einschätzung der eigenen persönlichen Lage bestätigen das. Und gerade Deutschland schlägt sich ökonomisch in der Globalisierung nach wie vor bravourös.

Warum fällt es eigentlich Linken wie Lessenich so schwer, auch in der verbreiteten politischen Skepsis im Land (und nicht nur bei Befürwortern der Zuwanderungspolitik der vergangenen Jahre) Gemeinwohl-Orientierungen zu erkennen und anzuerkennen? Zum Beispiel ein Realismus-Bedürfnis hinsichtlich des migrationspolitisch Erträglichen und Leistbaren. Das Bedürfnis nach einem verlässlichen Staat. Das Bedürfnis, in einem möglichst intakten öffentlichen Raum zu leben.

Oder anders: Die kürzlich erfolgte Kritik von Politikern und Fernsehmoderatoren an den Entscheidungen örtlicher Verantwortungsträger der Tafeln, keine Migranten mehr zuzulassen, wurde ja nicht von deutschen Bedürftigen zurückgewiesen, also von den profitierenden sozialen Milieugenossen oder den ökonomischen Klassengenossen, sondern von 3400 faz.net- Lesern innerhalb von vier Stunden nach der Online-Veröffentlichung des entsprechenden beißenden Kommentars von Jürgen Kaube. Darunter war sicher der ein oder andere globalisierungsangstfreie Akademiker.

Richtig ist: Was Lessenich als "Rechtspopulismus-Affinität" umtreibt, ist eine Skepsis der Mitte. Aber es ist die Skepsis einer denkenden und empfindenden, nicht einer rechnenden Mitte. Es ist die Skepsis derjenigen, die jede Schädigung von Menschen durch Menschen, die wir aufgenommen (oder nicht einmal aufgenommen) haben, unerträglich finden – und den Gedanken, dass unser Staat an solchem Leid in manchem Einzelfall Mitschuld trägt. Es ist die Skepsis derjenigen, die nicht Angst vor sozial aufsteigenden Fremden haben, sondern die falsch finden, dass Grundschulen, die schon vor 2015 überfordert waren, jetzt noch überforderter sind – was sich in den Leseleistungen nach neuen Studien ja bereits zeigt. Es ist sogar die Skepsis derjenigen, die sich besorgt fragen, in welcher ökonomischen Konkurrenz denn die zu uns Gekommenen in absehbarer Zeit stehen könnten.

Das alles sind politische Perspektiven, die sich nicht auf ökonomische Eigeninteressen und soziale Lebenslagen gründen, sondern auf Gemeinwohl-Gedanken.

Das Gemeinwohl ist vielleicht auch eine bisher übersehene Antwort auf die Frage, worin denn das Gemeinsame bestehen könnte, das wir für Integration und gelingende Gesellschaft überhaupt brauchen. Die Orientierung am Gemeinwohl als eine mindestens mitredende empathische Begleitung der öffentlichen Dinge. Das Gemeinwohl als gemeinsamer Horizont eines – so könnte man ihn schön schlicht nennen – guten Willens füreinander und fürs Land.