Wenn jemand zum Helden unserer Zeit taugt, dann Christopher Wylie, ein schwuler kanadischer Veganer, der mit 24 Jahren eine Idee hatte, die zur Gründung von Cambridge Analytica führte – jener Datenanalyse-Firma, die eine wichtige Rolle in der Kampagne der Brexit-Befürworter gespielt haben will. Später wurde Wylie zu einer entscheidenden Figur auf dem digitalen Feld von Donald Trumps Wahlkampf und entwickelte Steve Bannons psychologisches Kriegswerkzeug. Wylies Idee bestand darin, die Facebook-Profile von Millionen US-Amerikanern auszuwerten und daraus psychologisch-politische Profile zu erstellen. Die Facebook-Nutzer sollten dann gezielt mit politischen Anzeigen angesprochen und entsprechend ihrer psychischen Veranlagung bearbeitet werden.

Faszinierend an dieser Geschichte ist, dass sie Elemente miteinander verbindet, die wir gewöhnlich als Gegensätze verstehen. Die "alternative Rechte" in den USA geriert sich als eine Bewegung, die sich der Sorgen einfacher weißer, hart arbeitender und religiöser Menschen annimmt, die auf traditionellen Werten beharren und vermeintlich verkommene Exzentriker wie Homosexuelle und Veganer, aber auch digitale Nerds verabscheuen – und jetzt erfahren wir, dass ihre Stimmen von genau einem solchen Nerd manipuliert wurden, der all das repräsentiert, was sie ablehnen ... Das hat mehr als anekdotischen Wert: Es zeigt, wie hohl der Alt-Right-Populismus ist, der sich auf die letzten technologischen Errungenschaften stützen muss, um die Zugkraft seines populären Proletentums aufrechtzuerhalten. Auch verfliegt die Illusion, dass ein Computerfreak am Rande der Gesellschaft automatisch für eine "progressive", systemfeindliche Position steht.

Und noch etwas anderes wird deutlich: Kaltschnäuzige Manipulation und das Engagement für Liebe und menschliches Wohlergehen sind zwei Seiten einer Medaille. Tamsin Shaw hat in der New York Review of Books vom 21. März einen Artikel über "den neuen militärisch-industriellen Komplex der psychologischen Kriegsführung mit großen Datenmengen" veröffentlicht. Dort enthüllt sie "den Anteil, den Privatunternehmen bei der Entwicklung und dem Einsatz staatlich finanzierter Verhaltenstechnologien spielen". Exemplarisch für diese Firmen ist natürlich Cambridge Analytica:

"Zwei junge Psychologen stehen im Mittelpunkt der Geschichte von Cambridge Analytica. Der eine ist Michal Kosinski. Zusammen mit David Stillwell, einem Kollegen von der Universität Cambridge, hat er eine App entwickelt, die über die Analyse von Facebook-Likes Persönlichkeitsmerkmale feststellt. Genutzt wurde die App in Zusammenarbeit mit dem World Well-Being Project, einer Gruppe im Zentrum für Positive Psychologie an der Universität Pennsylvania, die sich auf den Einsatz großer Datenmengen zur Messung von Gesundheit und Glück mit dem Ziel einer Verbesserung des Wohlbefindens spezialisiert hat. Der andere ist Aleksandr Kogan, ebenfalls auf dem Feld der positiven Psychologie tätig und Verfasser von Aufsätzen über Glück, Güte und Liebe (seiner Vita zufolge trug ein früher Text den Titel Hinunter in den Kaninchenbau: Eine einheitliche Theorie der Liebe). Er leitete das Labor für Prosoziales Verhalten und Wohlbefinden im Institut für Wohlbefinden an der Universität Cambridge."

Entscheidend ist die "bizarre Überschneidung von Forschung zu Themen wie Liebe und Güte mit militärischen und geheimdienstlichen Interessen". Warum weckt eine solche Forschung das Interesse von Geheimdiensten und Rüstungsbetrieben, zu deren Hintergrund stets die ominöse DARPA gehört? (Die Defense Advanced Research Projects Agency ist eine Behörde des US-Verteidigungsministeriums, die Forschungsprojekte für die Streitkräfte durchführt.) Die Verkörperung dieser Überschneidung ist Martin Seligman. 1998 "gründete er die Positive-Psychologie-Bewegung zur Untersuchung jener psychischen Eigenschaften und Gewohnheiten, die authentisches Wohlbefinden befördern. Er löste damit eine Welle an populären Selbsthilferatgebern aus. Zugleich wurde das Militär auf seine Arbeit aufmerksam und unterstützte sie finanziell, als zentralen Bestandteil einer Initiative zum Resilienztraining für Soldaten."

Individuen lassen sich besser steuern, wenn sie sich als Gestalter ihres Lebens verstehen

Die Überschneidung rührt also nicht daher, dass die Verhaltenswissenschaften unter äußerem Druck durch "böse" politische Drahtzieher stünden, sondern sie ist in ihrer ursprünglichen Ausrichtung bereits angelegt: "Ziel dieser Programme ist es nicht einfach, unsere subjektive Gemütsverfassung zu analysieren, sondern Mittel und Wege zu finden, wie man uns 'Anstöße' in Richtung unseres wahren Wohlbefindens geben kann, so wie positive Psychologen es verstehen, und dazu gehören Attribute wie psychische Widerstandsfähigkeit und Optimismus."

Solche "Anstöße" bringen die Individuen natürlich nicht dazu, ihre wissenschaftlich enttarnten "Irrationalitäten" zu überwinden. Vielmehr zielen die Verhaltenswissenschaften darauf, "unsere Irrationalitäten auszunutzen, statt sie zu überwinden. Eine Wissenschaft, die auf die Entwicklung von Verhaltenstechnologien ausgerichtet ist, wird uns zwangsläufig nicht als rationale Akteure verstehen, sondern als manipulierbare Objekte im engen Sinne. Wenn diese Technologien in den Mittelpunkt von Amerikas militärischen und geheimdienstlichen Cyberoperationen rücken, dann müssen wir allem Anschein nach mehr tun, um zu verhindern, dass solche Entwicklungen das alltägliche Leben unserer demokratischen Gesellschaft beeinträchtigen."