DIE ZEIT: Herr Imam, wann haben Sie zum ersten Mal von dem Propheten Mohammed gehört?

Ahmed Mohammed al-Tajjeb: Gleich nach der Geburt, denn es ist islamische Tradition, dass man den Neugeborenen schon das islamische Glaubensbekenntnis ins Ohr flüstert: Es gibt keinen Gott außer Gott, Mohammed ist sein Prophet. Bewusst hört man als größeres Kind dann schon den Gebetsruf, in dem der Prophet genannt wird, man hört von den Eltern und der Familie von ihm. Spätestens mit sieben Jahren spricht man den Namen des Propheten im Gebet selber aus. Aber er ist auch Teil alltäglicher Floskeln.

ZEIT: Hatten Sie schon einmal Glaubenszweifel?

Al-Tajjeb: Das ist in der westlichen Theologie ein wichtiges Thema. In der islamischen Lehre geht es eher um Beweise für die Existenz Gottes und die Eigenschaften, die Gott besitzt. Ich persönlich hatte nie Zweifel, nur Fragen zum Glauben und zur Religion. In den verschiedenen Glaubensschulen des Islams gibt es die Tradition, jeden Menschen aufzufordern, Gott zu erkennen und Gott zu erblicken, aber nicht mit dem Auge, sondern mit dem Verstand. Manche sagen, dass es dabei auch eine Phase des Zweifelns gibt. Ein Spruch des alten Gelehrten Al-Ghasali besagt: Wer nicht zweifelt, der sieht auch nicht, und wer nicht sieht, der bleibt unwissend. Aber wenn man Gott erkennt, hat man den Zweifel hinter sich gelassen.

ZEIT: Sie sind seit 2010 Großscheich der Azhar-Universität und damit ihr oberster Imam. Die Uni prägt den sunnitischen Islam weltweit. Sie hatte immer den Ruf, eine sehr konservative Theologie zu lehren. Haben Sie daran etwas geändert?

Al-Tajjeb: Sie meinen mit "konservativ" möglicherweise, dass die Azhar den Islam so lehrt, wie der Prophet ihn gelebt hat. Wir sind nun nicht konservativ in dem Sinne, dass wir uns progressiven Parteien entgegenstellen. Die Azhar will allerdings den Islam bewahren und verantwortlich vor Gott und den Gläubigen mit dieser Tradition umgehen.

ZEIT: Was heißt das?

Al-Tajjeb: Die Scharia hat zwei Bestandteile: zum einen das Unverrückbare, Unveränderliche, das es in jeder Religion gibt, bestimmte Dogmen und Vorschriften. Andererseits das Veränderbare, das an örtliche und zeitliche Umstände geknüpft ist. Um es zu beurteilen, brauchen wir Fatwas, religiöse Rechtsgutachten. Die Azhar ist konservativ, indem sie vermittelt: zwischen denen, die wegen des Eindringens der Moderne alles Alte abstreifen wollen, und denen, die sich komplett isolieren. Sie agiert also an zwei Fronten und stellt sich sowohl den extremen Säkularisten entgegen als auch denen, die jede Neuerung ablehnen.

ZEIT: Darf man Witze über Gott und Scherze über den Propheten machen?

Al-Tajjeb: Das ist weder im Islam noch in anderen Religionen zulässig. Witze zu machen über Gott öffnet die Tür zu vielen Übeln – und sollte deshalb strafbewehrt sein. Man darf über Gott und die Gläubigen nicht lachen, denn das erweckt Widerwillen gegen andere Menschen. Wir sollten uns lieber gegenseitig respektieren und auch das achten, woran wir selbst nicht glauben. Wenn es eine rote Linie gibt, die für alle gilt, dann sollten die Propheten hinter der roten Linie sein.

ZEIT: Darf der Islam Homosexualität oder geschlechtliche Beziehungen vor der Ehe tolerieren?

Al-Tajjeb: Selbstverständlich, denn es heißt ja im Koran: Es gibt keinen Zwang im Glauben. Wer glauben will, möge glauben, und wer nicht glauben will, möge bei seinem Unglauben bleiben. Mohammed, unser Prophet, hat versucht, die größtmögliche Zahl an Götzenanbetern für den Islam zu gewinnen, aber es wurde selbst ihm im Koran aufgetragen: Du bist nur ein Botschafter. Alles, was geschieht, ist in Gottes Hand.

ZEIT: Sie haben sich mit Papst Franziskus getroffen. Was verbindet Sie miteinander?

Al-Tajjeb: Wir gehören beide einer himmlischen Religion an. Darüber hinaus verbindet uns Jesus als einer der Propheten. Menschliche Gemeinsamkeiten wiederum verbinden alle Religionen.

ZEIT: Christen leben heute in muslimischen Ländern gefährlicher als vor einigen Jahren. Warum?

Al-Tajjeb: Alle Muslime und Christen wissen, dass Verbrechen im Namen der Religion nicht zu rechtfertigen sind. Trotzdem wird Religion heute oft benutzt, um junge Menschen aufzuwiegeln. Man schreckt nicht davor zurück, Korantexte auf entstellende Weise zu interpretieren. Leider passiert es immer wieder, dass Religionsgelehrte unsere Religion an die Politik verkaufen.