Selbst durch die gepanzerte Haustür und die verstärkten Fenster dröhnen die Parolen von der Straße noch herein. "Es gibt! Kein Recht! Auf Nazipropaganda!" Drinnen hechten junge Männer die Treppen rauf und runter, im Erdgeschoss bauen sie Stühle auf, im ersten Stock feilen sie, über einen Laptop gebeugt, an einem Redemanuskript. In ein paar Minuten kommen die ersten Gäste. Vorausgesetzt, die trauen sich durch die Polizeiabsperrungen vor dem Haus. Und an den Demonstranten vorbei.

Halle an der Saale. Adam-Kuckhoff-Straße 16. Das Hauptquartier der Identitären Bewegung in Deutschland. Am Abend soll hier ein Vortrag stattfinden: "Braucht die patriotische Bewegung Gewerkschaften?". Draußen auf der Straße stehen Dutzende Mitglieder der örtlichen Antifa. Zwar können sie die Veranstaltung nicht verhindern. Aber sie können sie stören.

Hinter den Polizeiwagen, vor der Tür des Hauses, steht Mario Müller und beobachtet das Treiben am anderen Ende der Straße. Mit den Händen formt er vor dem Mund einen Trichter, brüllt den Demonstranten etwas entgegen, doch der Lärm verschluckt seine Worte. Ein Polizist blafft ihn an: "Müssen Sie die denn auch noch provozieren?" Müller lächelt nur. Er ist der Hausherr in der Adam-Kuckhoff-Straße. Und er will sich von den Linken nicht die Show stehlen lassen.

Das Haus im Steintorviertel von Halle ist zum Austragungsort eines erbittert geführten Kampfes geworden. Seit knapp neun Monaten leben und arbeiten hier die Identitären, rechtsradikale Aktivisten, die in Halle ein "patriotisches Leuchtturmprojekt" aufbauen wollen. Künstler, Publizisten und Politiker der AfD schmieden dort gemeinsam ein rechtes Netzwerk, das weit über die Stadtgrenzen von Halle hinauswirkt, bis in deutsche Parlamente hinein. Und erbitterten Protest von Autonomen, Studenten und Anwohnern provoziert.

Linke und Rechte kämpfen um die Vorherrschaft in Halle – in einer Stadt, in der die AfD bei der Bundestagswahl auf knapp 18 Prozent kam. Die Identitären wollen ihre Ideen unter die Leute bringen. Die Antifa will sie stoppen. Wer hat das Sagen? Wer dominiert den öffentlichen Raum? Es ist ein Konflikt, der längst auch die Sicherheitsbehörden beschäftigt.

Ein Klopfen an der Haustür. Es treten ein: ältere Herren in Funktionsjacken, junge Kerle mit akkurat gezogenen Scheiteln, einer mit Glatze und Tattoo im Gesicht. Mario Müller begrüßt sie mit Handschlag, führt sie ins Zimmer nebenan. Grüne Wände, Barhocker, ein braunes Ledersofa, am Kopfende des Raumes ein Stehpult. Jedes Mal, wenn sich die Tür öffnet, dringen Fetzen der Sprechchöre von draußen herein. Gleich neben dem Eingang hängen Schlagstöcke an der Wand. Es ist das erste Mal, dass die Identitären einer deutschen Zeitung Zugang zu ihrem Veranstaltungsort gewähren.

Müller, 29, gebürtig aus Bremen, ist einer der prominentesten Köpfe der rechten Szene in Deutschland. In seiner Jugend bewegte er sich im Umfeld der Autonomen Nationalisten, einer Neonazi-Gruppe, später war er Mitglied bei den Jungen Nationaldemokraten, der Jugendorganisation der NPD. Heute gehört Müller zu den Identitären. Und damit wie mehrere ehemalige Neonazis zu den Begründern eines neuen rechten Aktivismus.

Anstatt mit Springerstiefeln und Fackeln durch ostdeutsche Kleinstädte zu marschieren, haben Müller und seine Kameraden ihrem Protest ein modernes, digitales Image verpasst. Als sie 2016 auf das Brandenburger Tor in Berlin kletterten und dort ein Banner mit der Aufschrift "Sichere Grenzen, sichere Zukunft" entrollten, tauchte gleich danach im Netz ein Video von der Aktion auf: Bilder in HD-Qualität, schnelle Schnitte, dramatischer Soundtrack. Es wurde innerhalb weniger Tage tausendfach geklickt. Vergangenen Sommer charterte die Gruppe ein Schiff, um auf dem Mittelmeer Flüchtlinge daran zu hindern, nach Europa zu gelangen. Auch Müller war an Bord. Auf Facebook und Instagram folgen den Identitären Zehntausende Nutzer. Das Haus in Halle ist der nächste Schritt, vom Virtuellen ins Reale, vom Rand in die Innenstadt.