Seit ich in Deutschland in die Moschee gehe, seit den achtziger Jahren, versteht man als Muslim dort oft kein Wort. Denn kaum ein Imam predigt hierzulande auf Deutsch. Ich bin 1964 in Köln geboren, habe Islamwissenschaft studiert, auch in Damaskus und Kairo. Würde ich daher nicht auch Arabisch sprechen, ich würde mich in Moscheen in Deutschland fremd fühlen.

Horst Seehofer, der Instinktpolitiker, hat anscheinend einen Nerv getroffen, als er behauptete, der Islam gehöre nicht zu Deutschland. Eine neue Umfrage belegt, dass rund drei Viertel der Bevölkerung seiner Meinung sind. Wer das ändern will, muss zuerst zugeben: Der Islam gehört noch nicht zu Deutschland.

Zum Beleg. Im Mai 2016 veröffentlichte das Meinungsforschungsinstitut YouGov im Auftrag der Nachrichtenagentur dpa eine Umfrage unter Bundesbürgern, bei der jeder Zweite angab, er habe nur wenig Kenntnis vom Islam. Jeder Fünfte sagte, er wisse gar nichts über diese Religion. Obwohl es in Deutschland seit 1997 den Tag der offenen Moschee gibt, haben 84 Prozent der Nichtmuslime noch nie eine Moschee von innen gesehen. Der Islam ist den Deutschen doppelt fremd: erstens unbekannt, zweitens ungewohnt.

Kann eine Religion zu einem Land gehören, deren Traditionen und Rituale viele Menschen gar nicht kennen? Man könnte entgegnen, auch über das Judentum wüssten viele hierzulande wenig, seien noch nie in einer Synagoge gewesen; und auch die Christen selbst wüssten oft nur noch wenig über ihren Glauben. Doch historisch gehören Judentum und Christentum zu Deutschland. Beide Religionen sind seit Jahrhunderten hier präsent, sind heute gesellschaftlich wie juristisch anerkannt, auch wenn manche Juden nach den entsetzlichen Gräueltaten, die sie in Deutschland vor allem im 20. Jahrhundert erlitten haben, die Zugehörigkeit ihrer Religion zu Deutschland bestreiten. Trotzdem haben jüdische Gelehrte, Dichter und Künstler dieses Land mitgeprägt. Einen muslimischen Gelehrten, der hier maßgeblich gewirkt hätte, sucht man vergeblich. Bis heute gibt es in Deutschland wenige muslimische Intellektuelle und Wissenschaftler von Format, wie Navid Kermani oder Bassam Tibi. Es liegt natürlich daran, dass Muslime erst seit fünfzig Jahren beständig hier leben – auch wenn sich jetzt viele beeilen, das islamische Erbe der europäischen Geistesgeschichte zu beschwören.

Muslimische Traditionen wie die Beschneidung von jungen Männern und das Schächten von Tieren werden hier als fremd empfunden und öffentlich infrage gestellt. Solche Fragen können diskriminierend sein. Doch das Infragestellen selbst gehört zur Religionsfreiheit. Muslime werden immer wieder gefragt, warum sie fasten, warum sie das Kopftuch tragen, warum sie fünfmal am Tag beten. Manche reagieren empfindlich, weil im Islam Glauben und Handeln eine Einheit bilden. Doch wenn sie ein gleichberechtigter Teil der Gesellschaft sein wollen, kann Gleichberechtigung dann vor der Religionskritik haltmachen? Nein.

Noch ein Wort zu den Moscheen. In den meisten Moscheen hierzulande simuliert man die islamische Welt, sitzt auf dem Boden und hört Predigten in fremder Sprache, von Predigern, die im Ausland ausgebildet wurden. In vielen Moscheen hängt die türkische Flagge. Demonstriert man so seine Zugehörigkeit zu Deutschland?

Der persische Universalgelehrte Saadi schrieb im Mittelalter: "Wenn du kein Aufsehen erregen willst, nimm die Färbung einer Gemeinschaft an." Ich glaube, wir Muslime müssen uns weder einfärben noch verstecken. Aber wer nicht als Fremder behandelt werden will, sollte sich auch nicht fremd verhalten. Dann kann der Islam bald zu Deutschland gehören.